Skandalwelle verändert US-Geschäftsklima
Aufstand der Aktionäre

Reihenweise sind einst hoch gelobte amerikanische Wirtschaftslenker im Sog der Bilanzskandale in diesem Jahr vom Sockel gestürzt, die neuen Helden sind andere.

HB/dpa WASHINGTON. Floyd Scheider und Richard Cocchieri zum Beispiel, der Hypothekenmakler und der Zahnarzt, die an der Börse viel Geld verloren und so lange bohrten, bis sie den Ermittlungsbehörden genügend Material für eine Betrugsanklage gegen ihren Börsenmakler in Texas vorlegen konnten. Oder der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, der Wall - Street-Firmen wegen wissentlich falscher Anlegertipps zur Kasse bittet und Millionenstrafen eintreibt.

Die Serie der Skandale und die Geldgier der Firmenbosse, die ans Licht kamen, hat das neue Selbstbewusstsein der Geschröpften und der "Anwälte des kleinen Mannes" geschürt. Im ganzen Land haben tausende Aktionäre Klagen eingereicht. Die Justizminister aller Bundesstaaten verschärfen die Strafen für Bilanzbetrügereien. Schiedsstellen, die früher eher auf Seiten großer Investmenthäuser standen, sprechen geprellten Aktionären inzwischen Millionensummen zu.

Den Skandalauftakt machte der Energieriese Enron aus Texas, der Anfang Dezember 2001 in einem Strudel falscher Bilanzen, dubioser Partnerschaften und unter einem Schuldenberg zusammenbrach. Den zweifelhaften Rang als größte Firmenpleite der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte trat Enron schon im Sommer an den Telekom - Konzern WorldCom ab. Wie Worldcom gaben dazwischen auch die Telekomgesellschaft Global Crossing und der Kopiergeräte-Spezialist Xerox illegal aufgeblähte Umsätze und Falschbuchungen zu, ebenso der Telekom-Konzern Qwest und der US-Pharmakonzern Merck.

Ans Licht kam auch, wie skrupellos Firmen- und Finanzchefs sich aus Firmenkassen bedienten. Enron-Finanzchef Andrew Fastow frisierte die Bilanzen und wirtschaftete dabei Millionen in die eigene Tasche. WorldCom-Chef Bernard Ebbers ließ sich üppige Millionengehälter zahlen und bekam aus der Firmenkasse Privatkredite in Höhe von 408 Millionen Dollar. Der langjährige Chef des Mischkonzerns Tyco, Dennis Kozlowski, und der Gründer der Kabelfernsehfirma Adelphia, John Rigas, scheffelten ebenfalls Millionen aus der Firmenkasse.

Investmentbanken gerieten ebenfalls ins Visier der Ermittler. Während sie bestimmte Aktien intern als "Dreck" bezeichneten, rieten sie Kunden zum Kauf, um von dem betroffenen Unternehmen andere lukrative Aufträge zu bekommen. Merrill Lynch zahlt in einem Vergleich mit Staatsanwalt Spitzer 100 Millionen Dollar Strafe. Mit anderen Häusern verhandelt Spitzer noch. Im Gegenzug für eine Einstellung seiner Ermittlungen verlangt er eine Milliarde Dollar Strafe. Die Firmen handeln über eine Reduzierung der Summe.

"Das Pendel schlägt jetzt zu Gunsten der Investoren aus", sagte Rechtsanwalt Jacob Zamansky der Zeitung "Business Week". Richter, die den Konkurs von WorldCom beaufsichtigen, strichen dem neuen Unternehmenschef Michael Capellas einen Teil seines gewünschten Gehaltes. Der von Skandalen unbefleckte langjährige Chef des Mischkonzerns General Electric, Jack Welch, musste auf ein üppiges Leistungspaket seines Ex-Arbeitgebers verzichten, das er beim Ausscheiden ausgehandelt hatte. Es belief sich auf 2,5 Millionen Dollar im Jahr. Auf Druck von Gewerkschaften, die Milliardenschwere Pensionsfonds verwalten, dürfen Aktionäre bei der Bank of America künftig mit entscheiden, wenn Abfindungen für ausscheidende Manager zwei Jahresgehälter übersteigen.

Das Vertrauen der Anleger ist nachhaltig erschüttert. Sie verloren bei den acht größten Unternehmens- und Buchprüfungsskandalen insgesamt rund 170 Milliarden Dollar durch Kursverluste, rechnete die Zeitschrift "Business Week" aus. Bis Ende August wurden 2,4 Milliarden Dollar aus Investmentfonds abgezogen, verglichen mit dem Zufluss von 43,6 Milliarden Dollar im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Die Wertpapier- und Börsenaufsicht (SEC), die Unternehmen und Buchprüfer überwacht, will mit ihrem designierten neuen Chef William Donaldson härter durchgreifen denn je. "Ich bin fest entschlossen, alles in meiner Macht stehende zu tun, um das Vertrauen der Investoren in die amerikanischen Unternehmen und die Finanzindustrie wieder herzustellen", sagte er bei seiner Ernennung. Die SEC werde sich auch nicht wie früher scheuen, große Firmen zu belangen, kündigte der SEC-Direktor für Strafverfolgung, Stephen Cutler, an.

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