Skrupellos und unantastbar
Lebenslange Haft für Mafia-Boss

Im bislang größten Prozess gegen die vietnamesische Zigarettenmafia hat das Berliner Landgericht einen Bandenchef wegen achtfachen gemeinschaftlichen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Reuters BERLIN. Auf Befehl des 31-Jährige Duy Bao Le seien in einem Bandenkrieg um die Vorherrschaft auf dem Markt für Schmuggelzigaretten in Berlin schwerste Verbrechen begangen worden, befanden die Richter.

Nach mehr als vierjähriger Verhandlungsdauer verhängte das Gericht gegen zwei der Gefolgsleute des Hauptangeklagten wegen Mordes in zwei und in sechs Fällen ebenfalls lebenslange Haftstrafen. Sie hätten im Auftrag des Chefs der "Ngoc-Thien-Bande" sechs Mitglieder einer rivalisierenden Gruppierung und zwei angebliche Verräter mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet, hieß es im Urteil.

Ein vierter Vietnamese wurde als weiterer Todesschütze zur höchstmöglichen Jugendstrafe von zehn Jahren verurteilt. Alle Angeklagten wurden zudem der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung schuldig gesprochen. Das Urteil entsprach den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Die Verteidiger kündigten Revision an.

Le nahm das Urteil äußerlich gelassen auf. Er kaute Kaugummi und lächelte in den Pausen der dreistündigen Urteilsbegründung. Le, der sich von seinen Gefolgsleuten "Ngoc Thien", der "Barmherzige" nennen ließ, besaß nach Überzeugung des Gerichts alleinige Befehlsgewalt über die einst 20- bis 30-köpfige Gruppierung. Die Mitglieder der Bande seien ihm zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet gewesen, sagte Richterin Annette Dreher. Seiner "besonders gefährlichen kriminellen Bande" sei es darum gegangen, Verkaufsplätze für Schmuggelzigaretten zu kontrollieren und von den Verkäufern Schutzgelder zu kassieren.

Für den Bandenchef, der wie die anderen Angeklagten die Mordvorwürfe bestritten hatte, und für einen 41-jährigen Angeklagten stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wäre damit eine Haftentlassung nach 15 Jahren ausgeschlossen. Auf Befehl des Hauptangeklagten seien im Mai 1996 sechs Vietnamesen einer gegnerischen Bande in Berlin-Marzahn ermordet worden, weil diese den Aufenthalt ihres Chefs nicht verraten wollten, hieß es im Urteil. Bereits zwei Monate zuvor seien zwei vietnamesische Brüder als "Verräter" der "Nogc-Thien-Bande" erschossen worden.

Le soll 1993 nach Berlin gekommen sein und mit seiner Bande bis zu zwei Drittel des illegalen Zigarettenhandels in der Hauptstadt kontrolliert haben. Nach einem Freispruch der deutschen Justiz 1995 vom Vorwurf des Mordes habe er in der Szene als skrupellos und unantastbar gegolten, sagte die Richterin.

Bei den Schuldsprüchen stützte sich das Gericht vor allem auf die Aussage einer früheren Lebensgefährtin von Le, die nach eigenen Angaben bei dem Doppelmord anwesend war. Als der Prozess im Januar 1998 begann, saßen zunächst insgesamt 16 mutmaßliche Bandenmitglieder auf der Anklagebank. Neun der Vietnamesen wurden inzwischen zu Haftstrafen zwischen drei und siebeneinhalb Jahren verurteilt. Die Verfahren gegen drei Männer wurden eingestellt. Zwei der schon aus der Haft entlassenen früheren Angeklagten sollen sich einer neuen Bande der Zigarettenmafia angeschlossen haben. Nach Angaben des Gerichts befinden sie sich wieder in Untersuchungshaft.

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