So hektisch, wie in der Internet-Wirtschaft und der Telekommunikation weltweit Geschäft aufgebaut wurde, so schnell bricht es jetzt, da Umsätze und Gewinne zurückgehen, wieder zusammen.
Voll in die Eisen

Vom Fließbandjob bis zur Führungsposition: In amerikanischen Hightech-Unternehmen werden reihenweise Mitarbeiter gefeuert. Deutsche Unternehmen sparen vorsichtiger. Hier heißt das Motto: Diät statt Rosskur.

DÜSSELDORF. Die Krise hat gerade erst begonnen. In den USA bricht nach der Börse nun der Arbeitsmarkt ein. Bis Februar 2001 entstanden in den USA Monat für Monat über 100 000 neue Arbeitsplätze. Dann drehte sich der Markt abrupt: Schon für April weist die Beschäftigungsstatistik ein Minus von 223 000 Stellen aus.

So hektisch, wie in der Internet-Wirtschaft und der Telekommunikation weltweit Geschäft aufgebaut wurde, so schnell bricht es jetzt, da Umsätze und Gewinne zurückgehen, wieder zusammen. Internationale Hightech-Konzerne exportieren die Krise in andere Länder und Branchen. Beispiel Telekommunikation/Informationstechnik (TK/IT): Der Handy- Markt ist gesättigt, Hersteller wie Ericsson, Alcatel oder Philips geben die eigene Fertigung ganz auf oder schränken sie wie Motorola oder Nokia ein.

Das Absatzproblem schlägt auf die Zulieferer durch: Chip-Hersteller wie Intel, Infineon oder Texas Instruments, Netzwerkausrüster wie Cisco, Lucent oder 3com. Die Nachfrage nach IT-Beratung sinkt. Investitionen werden zurückgefahren, was dann Finanzhäusern wie Merrill Lynch oder J.P. Morgan Chase das Geschäft verhagelt.

Mit jedem dieser Dominosteine fallen Arbeitsplätze - vom Fließbandjob bis zur Führungsposition: bei Ericsson in diesem Jahr bislang 10 000, weitere 10 000 Jobs stehen auf der Kippe; Philips will bis zu 11 500 Stellen streichen; Motorola 7 000 in der Mobilfunksparte - fast jeden dritten Job -, im ganzen Konzern werden bis Jahresende 30 000 Arbeitsplätze verloren gehen; Nokia will rund 1 000 Stellen im Netzwerkbereich abbauen, außerdem 300 im Handy-Werk in Bochum. Intel streicht 5 000 Stellen, Infineon 5 000, Texas Instruments 2 500, Cisco 8 500; Lucent speckt über 40 000 Stellen ab. Bei Cap Gemini Ernst & Young fallen 2 700 Jobs weg, bei J.P. Morgan 5 000, bei Merrill Lynch 3 300.

Deutsche Unternehmen sind von der Schwäche der Weltwirtschaft genauso betroffen, aber sie reagieren anders. "Statt des amerikanischen Hire and Fire fahren sie eine mehr langfristige, strategische Personalpolitik", sagt Norbert Abraham, Consulting- und Banking-Spezialist der internationalen Personalberatung Korn/Ferry. Das hat vor allem zwei Gründe: Die Renditeerwartungen sind in Deutschland niedriger als in den USA, wo das Management gezwungen ist, Einbußen auf der Erlösseite sofort mit drastischen Kostensenkungen zu beantworten. Außerdem gibt es in Deutschland einen besseren Kündigungsschutz.

In den USA und Südostasien bauen Unternehmen bis zu 20 Prozent ihres Personals ab und geben sich für diese Rosskur oft nur ein halbes Jahr Zeit. Hier zu Lande sind die Einschnitte weniger tief - und sie werden nicht über Nacht exekutiert. "Stellenabbau heißt nicht automatisch Entlassungen", sagt Werner Dostal vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. "Ein Unternehmen kann durch die natürliche Mitarbeiterfluktuation Stellen abbauen, ohne dass es einem einzigen Mitarbeiter kündigt."

Doch wegdiskutieren lassen sich die Geschassten der New Economy auch in Deutschland nicht. Internet-, Software- und Medienunternehmen wie Intershop, Pixelpark, Metabox, Ricardo.de oder Lipro haben die erste Kündigungswelle hinter sich. "Nachdem bei vielen Startups im letzten Jahr sehr hektisch rekrutiert wurde, ist es normal, dass sich jetzt die Spreu vom Weizen trennt", meint Dostal.

Während er die Jobkrise auf die Internet-Wirtschaft beschränkt glaubt, sieht Personalberater Abraham heftigere Gewitter aufziehen - besonders über jenen Branchen und Geschäftsfeldern, in denen US-Unternehmen den Ton angeben.

Danach müssten sich vor allem die Mitarbeiter in den deutschen Tochtergesellschaften amerikanischer Hightech-Konzerne Sorgen machen: IBM hat 23 000 Beschäftigte in Deutschland, Lucent 4 000, Compaq allein 2 200 in seiner Landeszentrale in München. Doch mehr als einen Wiederbesetzungsstopp für frei werdende Stellen haben die meisten US-Ableger bislang nicht beschlossen. Nur Compaq ist mit weiter reichenden Plänen - mindestens 300 Stellen sollen verschwinden - herausgerückt.

Der größte Druck wird auf unproduktive Geschäftsfelder und auf Verwaltungsfunktionen ausgeübt, die keinen unmittelbaren Beitrag zur Wertschöpfung leisten. Wie sicher ein Arbeitsplatz ist, hängt zudem immer von der Person ab. "Bei Abbauplänen stehen jene oben auf der Liste, die in den vergangenen zwei Jahren mit horrenden Gehältern eingestiegen sind", sagt der Düsseldorfer Personalberater Michael Höchsmann, "es sei denn, sie bieten wirklich ,value for money?."

Entlassungen sind die wirksamste Kostenbremse. Die meisten Unternehmen in Deutschland dosieren die Sparmaßnahmen jedoch vorsichtiger, indem sie zunächst ihren Einstellungsbedarf überprüfen. Es könnte ja sein, dass sich die Konjunktur im Herbst erholt und dann jeder Mitarbeiter im Kampf um neues Geschäft zählt. "Abkühlung", "Atempause", "kurzfristige Delle" - die Mehrzahl der Arbeitsmarktexperten stimmen überein, dass sich der positive Trend der Vorjahre spätestens 2002, 2003 fortsetzt.

Tatsächlich halten einige Industrie- und Dienstleistungsunternehmen der Old Economy ihren Einstellungsbedarf konstant oder steigern ihn sogar. Bernd-Georg Spies, Personalberater bei Russell Reynolds in Hamburg, fragt sich deshalb, wie viel wirklich Krise und wie viel Krisenmache im Markt steckt. "Das ist wie mit dem berühmten Glas Wasser", sagt er. "Für die einen ist es halbvoll, für die anderen halbleer."

Das sagt auch Rolf Scheuten, der mit seiner in Rolandseck bei Bonn beheimateten Personalberatung Apriori Fachkräfte für Informationstechnik und Telekommunikation sucht. "Noch Anfang dieses Jahres haben alle Verbände von mehreren Hunderttausend freien IT- und TK-Stellen geredet. Das wird nicht plötzlich auf null zurückgefahren." Scheuten macht den Opfern der Dotcom-Krise Mut: "Die werden überwiegend vom Markt wieder aufgesogen."

Selbst mit den Anwerbungen aus dem Ausland sei die Nachfrage auf dem IT-Sektor nicht zu decken, sagt die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Personalvermittlung in Bonn, Anke Peiniger. "Genauso nachhaltig ist der Bedarf an Fachleuten in den Branchen Biotech, Chemie und im Ingenieurswesen. Am konsequentesten aber wächst die Dienstleistungsbranche, allen voran die Versicherungen."

Nicht ganz so optimistisch äußert sich Norbert Abraham von Korn/Ferry über "seine" Branchen, Consulting und Banking. Die Einstellungszahlen der Unternehmensberatungen dürften sich gegenüber 2000 halbieren, schätzt er. Auch bei den Banken sei die Tür ein Stück zugefallen, sagt Abraham: "In den Königsdisziplinen Mergers & Acquisitions und Private Equity tut sich nicht viel. Bedarf sehe ich höchstens in den Abteilungen, die große internationale Projekte finanzieren."

Online-Banking und-Brokerage hätten das größte Wachstum hinter sich. Ein Lichtblick sind die Investmentbanken, die zwar in New York und London Mitarbeiter entlassen, in Frankfurt aber aufstocken. So hat Goldman Sachs im letzten Halbjahr noch 50 Banker neu eingestellt, Lehmann Brothers will in den kommenden drei Jahren seine Mitarbeiterzahl verfünffachen.

Korn/Ferry-Berater Abraham wirbt dafür, die Krise als Chance zu begreifen. Gerade in Zeiten, in denen die Konjunktur lahme, stießen Unternehmen zahlreiche Veränderungsprojekte an, für die sie Top-Leute brauchten.

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