So seh ich es
Angst ist ein schlechter Ratgeber

Wer heute eine Schlagzeile für den dramatischen Stellenabbau der nächsten Jahre sucht, der wird schnell fündig. Viele Menschen fühlen sich dadurch verunsichert und glauben schon bald, dass sie die nächsten sind. Aber im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit dürfen wir nicht das Vertrauen in die Kräfte des Marktes verlieren.

Bis 2009 will Volkswagen rund 20 000 Stellen streichen. Der Konkurrent Daimler-Chrysler gibt sich mit 3 600 zufrieden. Die frisch vermählte Bayer-Schering AG sieht bis 2008 eine Reduzierung des Personals um 6 000, die Allianz um 5 000, die Dresdner Bank um 2 480 Mitarbeiter vor.

In den USA führt das Unternehmen Ford Motor, das in den kommenden sechs Jahren 30 000 Stellen streichen will, das Feld an. Rekordhalter bei unseren Nachbarn ist die France Télécom. Diese will innerhalb der nächsten zwei Jahre sogar 17 000 Arbeitsplätze abbauen. Das jüngste Beispiel in Deutschland ist Bosch. Im Stammwerk Stuttgart-Feuerbach sollen bis 2009 rund 1 400 Jobs und später zusätzlich 1 200 gestrichen werden.

Viele Bürger, die diese Zahlen lesen, bekommen es mit der Angst zu tun. Oft selbst diejenigen, die gar nicht direkt betroffen sind. Diese schlechten Nachrichten hinterlassen bei vielen Menschen den Eindruck, die Entwicklung am Arbeitsmarkt kenne nur eine Richtung, und irgendwann seien deshalb auch sie an der Reihe.

Diese Befürchtungen sind zwar verständlich, aber in der Gesamtbetrachtung ebenso falsch. Die verzerrte Wahrnehmung durch die Medienwelt sorgt nämlich für ein eher entwicklungsfeindliches Klima, das statt des Willens zur Flexibilisierung nur die Forderung nach Konservierung begünstigt. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber. Zur Schaffung von Wohlstand und Arbeitsplätzen ist sie genau das falsche Mittel.

Es gibt unterschiedliche Gründe für einen umfangreichen Stellenabbau. Was wir aber in der Mehrzahl erleben, ist in einer kapitalistischen Marktwirtschaft ein ganz normales Phänomen. Es ist zugegebenermaßen ein schmerzliches Element. Dem stehen allerdings Vorteile gegenüber, die jedem anderen System überlegen sind. Und diese bekommt man nicht, ohne die bittere Pille zu schlucken. Zu den positiven Aspekten unseres freiheitlichen Wirtschaftssystems gehört nicht zuletzt, dass es neue, produktivere Arbeitsplätze hervorbringt. Und daran hat sich auch im Zeitalter der Globalisierung nichts geändert. Dass dies keine realitätsferne Theorie ist, sondern durchaus in der Praxis seine Entsprechung findet, zeigen die folgenden Zahlen für die erste Hälfte des laufenden Jahres.

Innerhalb der ersten sechs Monate sind in der Bundesrepublik zwar 63 000 Stellen gestrichen worden. Gleichzeitig aber wurden 67 000 neu geschaffen. Das ist ein positiver Saldo von über sechs Prozent. Der löst zwar noch nicht das Problem der Massenarbeitslosigkeit. Aber er kann sich durchaus noch erheblich vergrößern. Allerdings müssen dazu die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Und diese wiederum werden durch nichts stärker determiniert als durch die Stimmung im Volk und die Bereitschaft der Bürger, sich auf das Spiel "Marktwirtschaft" wirklich einzulassen.

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