So seh ich es
Bernhard Schlink und das Recht auf Arbeit

Der Staatsrechtler und Romanautor Bernhard Schlink hat im vergangenen Jahr in einem Essay mit dem Titel "Der Preis der Gerechtigkeit" die Opferkultur unserer Gesellschaft kritisiert.

Verkürzt wiedergegeben, ist demnach die unstillbare Sehnsucht der Deutschen nach mehr Recht und Gerechtigkeit der Grund dafür, dass wir Niederlagen nicht mehr als Herausforderungen begreifen, sondern uns darauf beschränken, sie als Ungerechtigkeiten anzuprangern, die man durch Recht und Gesetz beseitigen und deren Opfer durch den Staat entschädigt werden müssen.

Fragen nach der Vermeidbarkeit und dem eigenen Anteil am Missgeschick würden zu Gunsten der Anklage, dass Unrecht geschehe, und der damit verbundenen Forderung nach rechtlicher Abhilfe verdrängt. Schlink spricht dabei von einem Prozess der "Vergerechtlichung", der in eine Anleitung zur Lernunwilligkeit münde. So wandele sich die schwache Begabung eines Mitglieds unserer Gesellschaft zur Verletzung des Rechts auf Chancengleichheit. Die Schädigung der eigenen Gesundheit werde zur Vorenthaltung des Rechts auf Therapie. Und aus Defiziten in der Ausbildungs- und Berufswahl wird schließlich die Verletzung des Rechts auf Arbeit.

Blenden wir einen Augenblick Bernhard Schlink aus: Deutschlands Sorge Nummer eins ist nach wie vor die hohe Arbeitslosigkeit. Und hier ist das Hauptproblem natürlich die Langzeitarbeitslosigkeit und die Jugendarbeitslosigkeit. In der Öffentlichkeit wird Arbeitslosigkeit dabei häufig wie eine unkontrollierbare Krankheit wahrgenommen, die jeden Erwerbstätigen aus heiterem Himmel treffen kann. Doch obwohl es nicht zu leugnen ist, dass dieses Schicksal häufig nicht vorhersehbar und auch nicht beliebig abwendbar ist, besteht eine Notwendigkeit zur Veränderung dieser Grundeinstellung in unserem Land.

Schaut man sich ein paar Zahlen aus der Arbeitslosenstatistik an, zeigt sich, dass die Sicherheit eines Arbeitsplatzes keinesfalls beliebig verteilt ist, sondern eindeutig etwas mit dem Ausbildungsgrad sowie der individuellen Berufswahl zu tun hat. So betrug im Jahr 2004 die Arbeitslosenquote innerhalb der un- und angelernten Erwerbspersonen in Westdeutschland 22 Prozent, in Ostdeutschland sogar 50 Prozent. Dagegen ist das Risiko für Fachkräfte, arbeitslos zu werden, nicht einmal halb so groß.

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