So seh ich es
Das Land der Dichter und Denker

Das Problem der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland entspringt letztendlich einem Entwicklungsbruch, der, wie ich meine, nach neuesten Studien etwa auf das Jahr 1980 datiert werden kann. Damals setzte nämlich die bis heute andauernde Stagnation des Bildungsniveaus der deutschen Erwerbsbevölkerung ein. Zwar hatten wir vor 23 Jahren bereits einen hohen Bildungsstand erreicht, doch konnte uns diese Tatsache nicht von der Pflicht zu weiteren Anstrengungen entheben. Stillstand bedeutet auch in diesem Bereich Rückgang.

Das Ergebnis ist nun, dass Deutschland im Vergleich der 30 Mitgliedsländer der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nur noch den 12. Platz belegt. Während also die anderen kräftig nachholten, haben wir mit einer gewissen Selbstgefälligkeit ein Vierteljahrhundert lang nur noch Ersatzinvestitionen in das Humanvermögen unserer Volkswirtschaft getätigt. Der Lebensstandard ist gestiegen, doch die Arbeitsplätze im innovationsintensiven, hochproduktiven Bereich sind nicht mehr entsprechend stark nachgewachsen. Am anderen Ende der Qualifikationsskala stehen die Langzeitarbeitslosen, die entweder keine Ausbildung haben oder frühzeitig aus einer entwicklungsorientierten Weiterbildung ausgestiegen sind oder ausgeschlossen wurden. Im Niedriglohnsektor gäbe es zwar genug Arbeit, doch auf dem wirtschaftlich hohen Entwicklungsstand nicht mehr zu einem bezahlbaren Preis.

Einige Nationen leben von ihren Energiereserven, andere von ihrem Reichtum an Rohstoffen. Was Deutschland zu einer führenden Wirtschaftsnation gemacht hat, waren hingegen der hohe Bildungsstand seiner Bevölkerung sowie der technologische Wissensvorsprung und der Erfindergeist. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, hat eine lange Bildungstradition, die unsere kulturelle Identität geprägt hat und auf die wir zu Recht stolz sein können.

Nicht nur von der ganzen Welt gefeierte Komponisten wie Bach, Beethoven und Wagner oder Philosophen vom Kaliber eines Kant, Schopenhauer und Nietzsche sind aus dem deutschen Bildungssystem hervorgegangen und verleihen unserer Gesellschaft die tiefsinnige Aura. Aus seinem Schoß stammen auch Männer wie Gutenberg, der mit seiner Buchdrucktechnik die Welt revolutionierte, oder Konrad Zuse, der bereits in den 30er-Jahren mit der Entwicklung des ersten, auf einem binären Zahlensystem beruhenden Computers den Weg zum 21. Jahrhundert wies. Die Entwicklung des Automobils durch Gottlieb Daimler und Carl Benz brachte Deutschland einen Wissensvorsprung, der bis heute Wohlstand und unzählige gut bezahlte Arbeitsplätze begründete. Robert Koch, Pionier in der Bakteriologie, und sein Assistent und spätere Nobelpreisträger Emil von Behring haben mit ihrem Know-how den Grundstein für eine prosperierende deutsche Pharmaindustrie gelegt. Und - gleichgültig wie man dazu steht - der Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn hat mit der Erforschung der Kernspaltung in mancherlei Hinsicht ein ganzes Jahrhundert geprägt. Das waren die bekanntesten Beispiele. Man könnte viele weitere nennen.

Die Amerikaner haben immer gewusst, wie wichtig solche Talente für Wirtschaft und Gesellschaft sind, und nie gezögert, aus aller Welt - oft auch aus Deutschland - "brainpower" abzuziehen, indem sie den Forschern optimale Arbeitsbedingungen boten. Mit dem Namen Silicon Valley verbindet sich diese Strategie wohl am eindringlichsten.

Laut einem EU-Kommissionsbericht wird aktuell jeder siebte in Deutschland promovierte Nachwuchswissenschaftler von den USA abgeworben. Ein Drittel von ihnen bleibt dort dauerhaft, und man darf vermuten, dass es sich dabei meistens um die Leistungsstärksten handelt. Dieser "brain drain", die Abwanderung der klügsten Köpfe, findet auf leisen Sohlen statt. Doch der Schaden an unserer Gesellschaft kann gar nicht überschätzt werden.

Als Bundespräsident Rau kürzlich China besuchte, erfuhr er, dass - bei aller Unterschiedlichkeit-der fernöstliche Riese unter sehr ähnlichen Problemen leidet. Doch die Chinesen haben schnell verstanden, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Verteilung der Talente folgt, und sie kämpfen nun um die Rückkehr der im Westen ausgebildeten Akademiker. Mit Erfolg bietet China den ersehnten Heimkehrern beste Startbedingungen für Firmengründungen. Bereits 30 000 hochgebildete Rückkehrer arbeiten am Aufbau ihrer eigenen Firma.

In diesem weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe sind Europa und Deutschland noch schlecht aufgestellt. Die Forschungsmöglichkeiten für den tatenhungrigen Nachwuchs sind hier zu Lande ebenso knapp geworden wie die Chancen zur innovativen Unternehmensgründung. Viele junge Menschen haben bereits den Eindruck, dass sich lange und intensive Ausbildungswege nicht mehr auszahlen. Zumindest dann nicht, wenn sie in Deutschland bleiben wollen.

Wir müssen den Entwicklungsfaden wieder aufnehmen und an die alten Bildungsideale anknüpfen. Nur so können wir langfristig den Grundlagen unseres Wohlstandes Rechnung tragen. Wir müssen es uns wieder etwas kosten lassen, unseren Kindern ein Höchstmaß an zeitgemäßer Bildung zu vermitteln. Den Engagiertesten und Talentiertesten müssen sich bessere berufliche Perspektiven eröffnen. Hierzu fehlt es in Deutschland an geeigneten Einrichtungen, in denen Bildung, Forschung und Unternehmertum zusammengeführt werden. Wenn wir dieses Problem bewältigen, lösen sich viele andere Sorgen in Wohlgefallen auf, weil dann der wichtigste Rohstoff "qualifizierte Menschen mit Tatendrang" wieder zur Verfügung steht.

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