So seh ich es
Der deutsche Glücksfaktor

Dies ist die Zeit, über die wichtigsten Ereignisse des Jahres nachzudenken. Prägend war zweifelsohne die Bundestagswahl. Das erzwungene Misstrauensvotum am Anfang und das resultierende politische Patt am Schluss waren zunächst viel bejammerte Überraschungen. Doch am Ende haben sie Schwung in die festgefahrene Situation Deutschlands gebracht.

Die große Koalition, die keiner wollte, hatte einen guten Einstieg und gewinnt in der Bevölkerung an Akzeptanz. Nach Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen glaubten Ende November immerhin 60 Prozent der Bevölkerung, dass die große Koalition "einen wichtigen Beitrag" zur Lösung der anstehenden Probleme unseres Landes leisten könne. Nicht anders die Beurteilung der neuen Bundeskanzlerin, die in den ersten Wochen an Beliebtheit und Anerkennung deutlich gewonnen hat.

Das alles mag dazu beigetragen haben, dass die deutsche Bevölkerung zuversichtlicher geworden ist. Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach spricht sogar von einer wesentlich optimistischeren Stimmung als in den Jahren zuvor. 45 Prozent der Bevölkerung würden dem Jahr 2006 geradezu hoffnungsvoll entgegensehen.

Doch wie kann man diesen Trend erklären? Wenn man weitere Umfrageergebnisse betrachtet, so wird sich nämlich so manch einer trotz aller Freude über die Stimmungsaufhellung wundern müssen.

Auf die Frage etwa, welche Veränderungen man auf Grund des staatlichen Rückzugs zu Gunsten von mehr Eigenverantwortung erwarten würde, ermittelte Allensbach recht eindeutige Antworten: 71 Prozent erwarten demnach eine schlechtere Absicherung bei Krankheit und Alter. Jeweils 62 Prozent eine unsicherere Zukunft sowie eine kältere und egoistischere Gesellschaft. 42 Prozent rechnen mit einer steigenden Arbeitslosigkeit, nur elf Prozent mit einer Aufwärtsbewegung der Wirtschaft. Und nur ganze zwei Prozent der Befragten glauben an mehr Wohlstand in unserem Lande.

Normalerweise würde man diese Daten, die ja alles andere als wirtschaftliche Zuversicht ausdrücken, wohl nicht mit Optimismus verbinden. Auch Renate Köcher resümiert diese Ergebnisse der Befragung durch Allensbach entsprechend: Es sei kein Hoffnungsszenario für die Bürger, wenn die Zukunft weniger Staat und mehr Eigenverantwortung bringen würde. Sie befürchtet, all dies könne den keimenden Optimismus recht schnell wieder erdrücken und den Anfangszauber der neuen Regierung zerstören.

Nun lässt sich am Ende des Jahres noch nicht sagen, wie stabil der Optimismustrend tatsächlich ist. Bemerkenswert bleibt jedoch das Nebeneinander der geringen oder gar negativen wirtschaftlichen Erwartungen und des leichten Optimismus großer Bevölkerungsteile. Diese in gewisser Weise widersprüchliche Bestandsaufnahme kann uns Allensbach nicht erklären. Renate Köcher mutmaßt, dass sich die Bevölkerung zurzeit trotz alledem die gute Laune, die seit dem Frühjahr vorherrsche, nicht verderben lassen wolle. Mag sein, doch bleibt die Frage, woher die gute Laune denn kommt.

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