So seh ich es
Der Mezzogiorno in Mitteleuropa

Jetzt gehört zusammen, was zusammenwachsen muss. Die Grenze verlief nach einem rund vierzigjährigen Leben in zwei inkompatiblen Systemen nicht nur auf der Landkarte, sondern schlug sich auch ein Stück weit in den Wertvorstellungen und den Lebensgewohnheiten der Menschen nieder. Darüber waren sich zwar viele im Klaren.

Die Vorstellungen aber, wie lange ein Angleichungsprozess dauern würde, lagen dagegen weit auseinander. Es gab viele Menschen, die glaubten, nach spätestens zehn Jahren gemeinsamen Staatstreibens und kräftiger Solidaritätsleistungen sei die Angelegenheit vollkommen erledigt.

Dass wir vor vier Jahren leider nicht so weit waren, ist - zumindest, was die wirtschaftliche Prosperität anbelangt - bekannt. Dass aber auch die innere Heilung, die Überwindung der unterschiedlichen Herkunftsidentität, bislang nicht erreicht wurde, ist eine deutlich geringer wahrgenommene Tatsache, die uns aber beunruhigen muss.

Schlimmer noch: Es gibt Anzeichen und Untersuchungen, wonach sich Ost- und Westdeutsche immer weiter voneinander entfernen. Das Institut für Demoskopie Allensbach führt seit Jahren Buch über die Meinungen, welche "Wessis" und "Ossis" voneinander haben. Demnach hielten im vergangenen Monat die Westdeutschen ihre Mitbürger aus dem Osten für unzufriedener, misstrauischer, ängstlicher und bequemer, als sie dies noch vor zwei Jahren taten. Gleichzeitig verstärkte sich das Negativklischee in umgekehrter Richtung. Mehr noch als schon vor zwei Jahren wurden die Wessis als arrogant, aufs Geld aus, selbstbewusst, bürokratisch und oberflächlich eingestuft.

Es gibt andere Anzeichen für die Vertiefung der Gräben. Entgegen allen Erwartungen schrumpft die Wählerschaft der PDS nicht, je weiter wir uns von der Geburtsstunde des vereinten Deutschlands entfernen, sondern sie baut ihren Zuspruch in den neuen Bundesländern zum Teil deutlich aus. Die Ursache hierfür zu erraten fällt auf der Grundlage der obigen Indizien nicht schwer. Offensichtlich ist die PDS die einzige Partei, welche den Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, nicht das Gefühl gibt, ihre Kultur sei eine einzige Verfehlung gewesen.

Die Westdeutschen und viele der Ostdeutschen, die im Westen ihre neue Identität und Heimat gefunden haben, mögen es nicht gut finden, wenn der westdeutsche Kapitalismus von den Ostdeutschen als zu kalt und ungerecht empfunden wird. Man muss aber bedenken, dass sich Systeme nicht überstülpen lassen, sondern von denjenigen, für die sie gelten, auch akzeptiert und getragen werden müssen.

Und genau da liegt ein Bruch, der zu leichtfertig abgetan wird. Laut Allensbach-Umfrage wird nämlich der Wert der Freiheit bei Westdeutschen im Schnitt deutlich höher bewertet als der Wert der Gleichheit, während es bei den Ostdeutschen genau umgekehrt ist.

Das alles deutet auf mehr als eine unvermeidbare Narbenbildung hin. Der Heilungsprozess an sich ist gefährdet. Man kann hierüber schweigen und hoffen, dass das, worüber man nicht spricht, mit der Zeit in Vergessenheit gerät. Nach dem Motto: Lösen wir uns endlich von der Vergangenheit, tun einfach so, als seien wir eigentlich niemals getrennt gewesen, und ordnen die bestehenden Ost-West-Probleme nach so vielen Jahren der Wiedervereinigung endlich den herkömmlichen politischen Konfliktfeldern zu.

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