So seh ich es
Der Mythos vom dritten Weg

Es soll ja Leute geben, die sich darüber freuen, dass der Bundeskanzler für seine Politik neuerdings nicht mehr nur mit Worten, sondern auch mit Eiern beworfen wird. Sogar Ohrfeigen waren schon im Programm. Manche sehen darin offenbar ein legitimes Mittel, sich gegen ungewollte politische Maßnahmen zur Wehr zu setzen. Zwar mag aus solchen Verfehlungen Verzweiflung der Täter herauszulesen sein, legitim sind sie - daran darf kein echter Demokrat zweifeln - sicher nicht.

Alles schon da gewesen und Einzeltaten von Spinnern? Nein, dahinter steckt mehr. Das zumindest legen die Montagsdemonstrationen nahe.

Demonstrieren an sich ist - wie schon das Wort Demos (das Volk) signalisiert - in einer Demokratie (Herrschaft des Volkes) durchaus zulässig. Fühlt man sich nicht beachtet und ungerecht behandelt, geht man auf die Straße und wirbt für sein Anliegen. So weit, so gut. Was derzeit jedoch als Neuauflage der Montagsdemonstrationen zelebriert wird, passt nicht mehr in die Logik einer parlamentarischen Demokratie. Das ist nicht nur geschmacklos im Hinblick auf das persönliche Lebensrisiko, das die Montagsdemonstranten trugen, sondern sachlich unangebracht und bedenklich.

Der Hinweis "Wir sind das Volk" war und ist ein gerechter Schlachtruf eines betrogenen Volkes in einer Diktatur. Sich "Demokratische Republik" zu nennen und gleichzeitig das Volk einzusperren und bei jeder Entscheidung auszugrenzen, Wahlen vorzutäuschen und Kritiker zu inhaftieren war ein zynischer Etikettenschwindel übelster Art. Die Herrschaft einer mehr oder weniger von der damaligen Sowjetunion ernannten politischen Elite, die ihren unangreifbaren Status durch die Stasi absicherte, hat den Zorn des Volkes heraufbeschworen, das mit friedlichen Mitteln mutig seine weitere Gefolgschaft verweigerte. Das war großartig, ein wahrlich demokratischer Anfang und das Ende der in Wahrheit Deutschen "Diktatorischen" Republik.

Was jetzt angeblich wegen Hartz IV wiederholt wird, ist stattdessen in letzter Konsequenz schon wieder der Wunsch der Akteure nach dem Ende unangenehmer Entscheidungen, zu denen die Demokratie die Kraft haben muss, und erinnert an die Doktrin von der Herrschaft des Proletariats.

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