So seh ich es
Deutschlands Werte in Gefahr

Es ist vermutlich eine Grundkonstante des menschlichen Daseins, Angst vor Fremden zu haben. Und mit Ablehnung und gar mit Aggression darauf zu reagieren ist die natürliche, aber unreflektierte Verhaltensweise - ein Atavismus, ein Rückfall in vorzeitliche stammesgeschichtliche Merkmale.

Am Donnerstag vergangener Woche stellte der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer die Ergebnisse aus dem dritten Jahr seiner Langzeitstudie zum Thema "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Bevölkerung" vor. Die Zahlen waren schon zwei Jahre zuvor nicht erfreulich. Aber diesmal musste Heitmeyer eine erschreckende Anstiegstendenz der Ausländerfeindlichkeit im Allgemeinen und sowohl eines latenten Antisemitismus als auch einer Islamphobie im Speziellen feststellen. Die Befragungsergebnisse zeugen von sachlicher Unkenntnis, von verdrängten Vorurteilen und einer offenbar viel zu geringen Verbreitung der wirklichen Werte der offenen Gesellschaft, auf die in diesen Tagen ja so gerne verwiesen wird.

Möglicherweise liegt ein Grund für den Anstieg der Fremdenfeindlichkeit in einer Terrorismusdebatte, die häufig den Islam an sich in die Nähe terroristischen Gedankenguts rückt. So sind fast 70 Prozent der Befragten der Meinung, dass der Islam grundsätzlich nicht in die westliche Welt passe. Dabei wird gerne übersehen, wie viele der weltweit über eine Milliarde Muslime friedlich in offenen Demokratien leben. Hier muss man zu einer differenzierten Beurteilung gelangen und darf nicht einfach den Kalifen von Köln zum prototypischen Moslem machen. Die sicherheitspolitischen Erfordernisse müssen überdies von der Islamdebatte getrennt werden.

Angesichts solcher Zahlen stellt sich meines Erachtens die grundsätzliche Frage nach der deutschen Identität. Was macht eigentlich unsere Heimat aus? Sind wir denn nicht stolz auf unsere freiheitliche Geschichte der letzten 60 Jahre? War die Entwicklung des Nachkriegsdeutschlands, das sich bewusst von der widerwärtigen Rassenideologie und kulturellen Egozentrik der Nazis befreit hat, nicht der Beweis dafür, dass die deutsche Bevölkerung im Grunde ihres Herzens weltoffen, tolerant und friedliebend ist? Baut Deutschlands guter Ruf in der Welt nicht gerade auf seine integrative und achtungsvolle Haltung gegenüber anderen Kulturen?

Es sind nicht nur Freundschaften innerhalb der westlichen Welt gewachsen, sondern auch gegenüber Russland, China, Indien, der Türkei, Israel und den arabischen Staaten. Und gilt Deutschland nicht als Motor der Europäischen Union, der außer Deutschland noch 24 "ausländische" Staaten angehören?

Können so viele Deutsche wirklich nur etwas mit Ausländern anfangen, wenn sie selber als solche in fernen Ländern die Sonne genießen wollen? Und als Exportweltmeister, dessen Wirtschaftsleistung zu einem Drittel auf die Güterausfuhr ins Ausland entfällt, brauchen wir die Fremden ja auch noch als Kunden.

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