So seh ich es
Die Freizeitgesellschaft muss mehr arbeiten

Ist es bei der kritischen Wirtschaftslage eigentlich nicht selbstverständlich, unser Freizeitbedürfnis wieder ein Stück zurückzuschrauben?

Es kommt einem vor, als sei die Aussicht auf geringere Steuern eine Art Urlaubsgeld für die deutsche Bevölkerung: Jetzt gehen alle beruhigt in die Ferien, und wir können weitermachen wie bisher. Bundesweit ist die Feriensession auf 14 Wochen gestreckt, damit wir die alljährliche Völkerwanderung in den Süden geregelt bekommen. Wenn der eine Teil aus dem Urlaub zurückkehrt, fährt der nächste los. Ist dann das letzte Bundesland mit den Sommerferien durch, beginnt bereits eine Woche später das erste mit den Herbstferien. Damit die Zeit zwischen den Ferien aber nicht zu lange wird, haben wir den Kalender noch mit allerlei Feiertagen bestückt.

Am beliebtesten sind solche Feiertage, die auf einen Montag oder einen Freitag fallen - und das Wochenende für einen Kurzurlaub verlängern. Beim Karfreitag hatte man ja keine Wahl, wohingegen der Pfingstmontag ein echter Beleg für den deutschen Pragmatismus ist.

Nicht zuletzt aus diesem Pragmatismus heraus ist auch die Idee so genannter "Brückentage" geboren. Zu Zeiten, als samstags noch fleißig in der Schule gelernt wurde, haben wir unvorsichtigerweise viele Donnerstage zu gesetzlichen Feiertagen gemacht. Doch als der Samstag dann schulfrei wurde, war uns der übrig gebliebene, allein stehende Freitag stets ein Dorn im Auge. Es setzte sich schließlich eine Praxis durch, wonach man den einsamen Arbeitstag mit Urlaub überbrückte.

Das Ausland, das nicht einmal ein vergleichbares Wort für den deutschen Brückentag besitzt, beneidet uns um so viel Einfallsreichtum in puncto Freizeitschöpfung. Mit der Existenz der Brückentage wuchs natürlich auch erneut der Bedarf an Urlaubstagen. Wir erkannten in Deutschland schnell, dass man diesem Problem nur mit der Gewährung eines höheren Urlaubsanspruchs begegnen kann.

So in etwa ist es in der glorreichen Freizeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland gelaufen. Machen wir hier einen Schnitt und stellen einmal unverblümt die Frage, worüber wir eigentlich seit Jahren und in den letzten Wochen ganz verschärft diskutieren: Deutschland in der Krise - einer Krise, die weit mehr ist als ein Effekt weltwirtschaftlicher Konjunkturschwächen. Sie ist nämlich zum guten Teil das Ergebnis struktureller Verkrustung, die im Laufe der Verteilungskämpfe der letzten Jahrzehnte der Wirtschaft die notwendige Dynamik genommen hat. Die Wohlstandsfalle, in die wir nicht als erstes Land in der Geschichte der Menschheit getappt sind, hält uns - so scheint es - mit unverminderter Kraft fest. Denjenigen, die Deutschland in früheren Zeiten für seine Freizeitrekorde kritisieren wollten, konnten wir gelassen unsere außerordentlich produktive Wirtschaftskraft entgegenschmettern. Heute können wir es in der Summe nicht mehr.

Mit einem kleinen Zahlenbeispiel zum Vergleich des Freizeitanspruchs von früher und heute wird die Dimension des Problems schnell deutlich. Wir arbeiten heutzutage rund 700 Stunden jährlich weniger als noch in den sechziger Jahren. Das sind nur noch 70 Prozent der damaligen Arbeitszeit. Dagegen war so lange nichts einzuwenden, wie die relative Produktivität es im Vergleich zum Ausland zugelassen hat. Doch die internationale Konkurrenz hat stark zugelegt. Und während in diesen Tagen beispielsweise die Chinesen am Jangtse aus rein wirtschaftlichen Erwägungen zwei Millionen Menschen umsiedeln, halten wir es für vollkommen unzumutbar, wieder länger beziehungsweise häufiger zu arbeiten. Auch dazu ein kleines Zahlenspiel:

Eine Kalenderwoche hat 168 Stunden. Bei der Annahme von nächtlich acht Stunden Schlaf besitzt ein Mensch 112 Wachstunden pro Woche. Hiervon arbeitet er in Deutschland - sagen wir - 37,5 Stunden. Dann verbleiben ihm 74,5 Stunden, in denen er weder schläft noch arbeitet. Damit hat ein Bundesbürger in einer normalen Arbeits-Kalenderwoche doppelt so viel Freizeit wie Arbeitszeit. Hinzu kommen jährlich an die 30 Tage Urlaub sowie - je nach Bundesland und Kalender - um die zehn Feiertage, woraus sich unterm Strich zusätzlich acht Wochen bezahlte Freizeit im Jahr ergeben. Allein das sind wiederum 15 Prozent von 52 Wochen. Die Verkürzung der Lebensarbeitszeit ist bei dieser Rechnung noch genauso wenig berücksichtigt wie die allgemeine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Ist es also bei der kritischen Wirtschaftslage eigentlich nicht selbstverständlich, unser Freizeitbedürfnis wieder ein Stück zurückzuschrauben? Verlieren wir denn tatsächlich unsere Lebensqualität, wenn wir auf einem solch hohen Niveau das Verhältnis von Freizeit und Arbeitszeit ein bisschen zu Lasten der Freizeit verringern? Letztlich ist es doch genau umgekehrt: Die Freizeitsucht dezimiert den Wohlstand und damit unseren hohen Lebensstandard. Um das zu verhindern, brauchen wir einen Mentalitätswandel. Anstatt also jetzt dem Vorziehen der Steuerreform eine Zauberkraft anzudichten, müssen wir die Ärmel hochkrempeln und die Brückentagmentalität aufgeben. Unser Lebensglück maßgeblich in der Befreiung von Arbeit zu sehen ist der falsche Weg.

Und die Befreiung von Arbeit als Lebensziel unseren Kindern und Enkelkindern mit auf den Weg zu geben, indem auch in den Schulen die geringen Unterrichtszeiten schon eher Brückentagcharakter gewinnen, wird die alternde Gesellschaft teuer zu stehen kommen. Eine Spaßgesellschaft kann ihren Spaß auch an der Arbeit und am Lernen finden und muss deshalb nicht zu einer sich langweilenden Freizeitgesellschaft degenerieren. Unser Aufbruchslogan sollte daher heißen: "Mehr Arbeit wagen"!

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