SO SEH ICH ES
Die Grenzen des Egoismus

Wenn Richter die Existenz von Kindergärten wegen Lärmbelästigung der Anwohner verbieten, stimmt etwas in unserer Gesellschaft nicht.

Der Vorwurf ist nicht neu. Er ist seit vielen Jahren immer wieder zu hören gewesen: Deutschland sei ein kinderfeindliches Land. Dafür sprechen einige Indizien, nicht zuletzt die seit langem anhaltende schwache Reproduktionsrate von derzeit 1,4 Kindern, die schon jetzt eine starke Überalterung der Gesellschaft unvermeidbar macht.

Doch wer trotzdem die niederschmetternde Bezeichnung "kinderfeindlich" bislang für maßlos übertrieben hielt, wird nun eines Besseren belehrt. Für eine neue Klarheit muss man der 25. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg dankbar sein. Dort wurde vor kurzem entschieden, dass die Kindertagesstätte "Marienkäfer" im Stadtteil Wandsbek ihre Pforten schließen muss. Nicht etwa aus Gründen fehlender Betreuungsqualität, schlechter Hygiene oder irgendwelcher schützender Fürsorge gegenüber den dort betreuten Kindern. Nein, schützen soll das Urteil nicht die Kinder, sondern die klagenden Anwohner, die sich durch den lokalen Nachwuchs und den damit häufig unvermeidbaren Kinderlärm belästigt fühlen.

Diese Begründung muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. In unserer über alle Maßen auf Individualismus getrimmten Gesellschaft ist nun nicht einmal mehr Platz für den Minimalkonsens, den jede Gesellschaft für ihr Überleben benötigt: die Integration der Kinder. Wenn sich einzelne Bürger über den Lärm oder die Rüpelhaftigkeit einzelner Kinder beschwerten, wäre das ja nichts Neues. Darin allein bestand bislang kein Grund zu echter Sorge. Wenn aber ein deutsches Gericht ein solches Urteil spricht, weist das auf einen bedenklichen Wertewandel hin, der sich ja schon an anderen Stellen abzeichnete.

Kinder werden demnach offenbar nicht mehr als Angelegenheit der Gesellschaft betrachtet. Kinder sind reines Privatvergnügen. Wer keine haben möchte, braucht auch keinerlei Unannehmlichkeiten, die mit Sprösslingen einhergehen, in Kauf zu nehmen. Er wird hingegen von den gesellschaftlichen Strukturen sogar belohnt. Man kann beispielsweise besser Karriere machen, spart unter dem Strich eine Menge Geld und kann höhere Rentenansprüche erwirtschaften.

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