So seh ich es
Die letzte Notoperation

Es ist nicht die erste Notoperation, die Gerhard Schröder vornimmt. Die erste liegt wenig mehr als ein Jahr zurück. Damals trennte sich der Bundeskanzler vom Parteivorsitz, um mehr Spielraum für die Reformpolitik zu schaffen.

Er, der nach dem Absprung von Oskar Lafontaine die Chance genutzt hatte, Kanzlerschaft und Parteivorsitz nach dem Vorbild von Helmut Kohl zusammenzufassen, hat sich zu dieser ersten Notoperation nur entschlossen, weil er immer stärker spürte, dass das Transplantat einer pragmatischen Reformpolitik vom rot-grünen Organismus nicht angenommen wird. Er spürte, dass die Abstoßreflexe zu groß waren. Auf New Labour, wie sich Gerhard Schröder nach dem Vorbild Tony Blairs das rot-grüne Projekt vorstellte, waren beide Koalitionsparteien nicht vorbereitet.

Nach Anfangserfolgen musste Chefarzt Schröder zu oft den Patienten auf die Intensivstation schicken und die Medikamentendosis erhöhen, deren Nebenwirkungen den Kranken immer weiter schwächten und für neue Infektionen anfälliger machten. Nun führte die letzte Notoperation dazu, dass der Patient zwar weiterhin vom Chefarzt Schröder persönlich betreut, aber dann im Rahmen der Reha von Franz Müntefering gepflegt wird.

Trotz aller gemeinsamen Anstrengungen wurde der Umsorgte aber immer schwächer, und auch das Opium des Reha-Arztes, das Chefarzt Schröder stirnrunzelnd zuließ - man denke an die Kapitalismusdebatte -, konnte nicht einmal die Schmerzen lindern. Die NRW-Wahl zeigte: Nichts hilft mehr. Aber Gerhard Schröder wäre nicht Gerhard Schröder, wenn er nun einfach abwarten würde, wie der Prozess unter den neuen, noch schwierigeren Voraussetzungen wohl ablaufen wird.

Er konnte sich die Entwicklung der nächsten Monate leicht ausmalen. Während die Opposition nichts weiter zu tun braucht, als Statistik über die Kunstfehler der in Hektik geratenen Ärzte zu führen, kämpft die Schröder-Klinik gegen die Schließung. Hartz IV läuft aus dem Ruder, die Wachstumsprognosen sinken gegen null, weitere Steuerausfälle und Haushaltslöcher kündigen sich an, der internationale Druck, die Unternehmensteuern zu senken, nimmt zu. Die Realeinkommen der Rentner sinken, und immer mehr Arbeitsplätze beginnen zu wackeln.

Hinzu kommen die Spannungen, die mit der Osterweiterung der EU zusammenhängen. Diese wird selbst dort, wo sie Chancen bietet, zunächst von vielen Wählern nur als Bedrohung gesehen. Und nun die gänzlich geschwundene Hoffnung auf Besserung der Situation noch vor der eigentlich erst für das nächste Jahr terminierten Bundestagswahl. Dazu das tägliche Angebot der Opposition, die besseren Therapien parat zu haben. Da kann einen schon der Rest an Mut und Vertrauen verlassen.

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