So seh ich es
Die Verflüchtigung der kritischen Masse

Der Begriff der "kritischen Masse" stammt eigentlich aus der Kernphysik. Ähnlich wie im Falle der "Halbwertszeit" könnte er auch im gesellschaftspolitischen Bereich Karriere machen, weil er ganz anschaulich auf den Punkt bringt, worum es derzeit im Reformkampf geht. Mit "kritischer Masse" ist - grob und laienhaft gesagt - die Mindestmasse eines Objekts gemeint, ab der die Neutronenproduktion eine Kettenreaktion der Kernspaltung aufrechterhalten kann.

Übertragen auf die Reformsoziologie bedeutet das: Wann hat unsere Gesellschaft gegenüber den alten Lösungsansätzen endlich die Geduld verloren und erreicht das Ausmaß an Mut und Einsicht, dass eine Kettenreaktion von notwendigen Kurskorrekturen ausgelöst wird? Obwohl ich prinzipiell einige Anzeichen dafür sehe, dass wir nicht mehr weit von diesem kritischen Wert entfernt sind, hat meine Hoffnung durch den jüngsten Tarifabschluss der Metaller wieder einen Dämpfer erlitten. Was ist da letzte Woche eigentlich geschehen und, wie haben wir das aus der Perspektive der Erhaltung von Wohlstand und Arbeit zu bewerten? Zuerst wollte die vorauskämpfende IG-Metall Baden-Württemberg vier Prozent mehr Lohn und drohte bereits mit Warnstreiks. Das war auf dem Hintergrund des bitter gescheiterten Kampfes um die 35-Stunden-Woche im letzten Jahr dreister als von den Optimisten unter uns erwartet. Die dann aber doch zügig erreichte Streikabwendung durch die Einigung auf eine Lohnerhöhung von 2,2 Prozent dieses und 2,7 Prozent nächstes Jahr bei einer Laufzeit von 26 Monaten ließ beide Tarifpartner sich im ersten Moment als Sieger fühlen. Na klar, das Verhandlungsritual lief ab wie immer nach dem Vorbild eines orientalischen Basars: die Forderungen auf beiden Seiten möglichst weit überziehen, um dann im Mittelmaß die akzeptable Notlösung zu finden. Politik und Wirtschaft zeigten sich über die Abwendung eines Arbeitskampfs erleichtert, und alle empfahlen das sanfte Ergebnis als Pilotabschluss auch für die übrigen Tarifgebiete. Ein Musterabschluss aus dem Musterländle, der wieder zwei Jahre Ruhe vor größeren Konflikten bringt. Sogar von einer "neuen Vertrauensbasis der Tarifparteien" war die Rede.

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