So seh ich es
Die Wahrheit kommt ans Licht

Die Krise besteht nicht darin, dass bestimmte Produktionen aus Deutschland abwandern, sondern dass wir keinen Ersatz in Form innovativer Technologien schaffen.

Bei Karstadt hat man eine Lösung gefunden: Vorstand und Betriebsrat sind sich einig, dass 5 500 Jobs wegfallen müssen. Doch das Ganze geht nach Meinung der Beteiligten ohne betriebsbedingte Kündigungen. Mitarbeiter und selbst die Gewerkschaft Verdi haben sich flexibel gezeigt und auf mögliche Tarifzuwächse von morgen teilweise verzichtet. Die Banken schaffen durch eine Kapitalerhöhung und die Sicherung der Kreditlinien die finanziellen Voraussetzungen für die Umstrukturierung. So gesehen war das offensichtlich kein tief gehendes Strukturproblem, sondern ein Management- und Organisationsproblem, das mit "normalen" Mitteln zu beheben war.

Ich bin überzeugt, dass hier nur etwas an der Oberfläche sichtbar wurde, was tiefer greift - so etwas wie Rauchwolken, die einem Vulkanausbruch immer vorausgehen. Meist kommt danach der große Schub. Seit Jahren findet im Einzelhandel ein gnadenloser Wettbewerb und Konzentrationsprozess statt. Und der Überschuss an Verkaufsflächen, der trotz stagnierender Konsumnachfrage von den großen erfolgreichen Wettbewerbern aufgebaut wurde, ist inzwischen durch das restlose Verschwinden der Tante-Emma-Läden und vieler kleinerer mittelständischer Unternehmen ausgeglichen worden. Still und leise sind Tausende von Arbeitsplätzen verschwunden.

Die Hoffnungen auf eine wachsende Konsumnachfrage haben sich derweilen nicht erfüllt. Die Menschen benötigen ihr Nettoeinkommen zur Finanzierung der Altersvorsorge und der Gesundheitskosten. Sie kaufen deshalb weniger ein - und sie tun dies preisbewusster und immer weniger spontan. Im Verhältnis zu unseren Nachbarstaaten hat Deutschland noch eine viel zu große Verkaufsfläche. Auch andere Einzelhandelsketten kündigen an, Arbeitsplätze - wie das so schön heißt - "sozialverträglich" abzubauen.

Eine ähnliche Entwicklung erleben wir auf dem Automobilmarkt. Bei stagnierendem Absatz in Deutschland wurden weitere Kapazitäten aufgebaut, und um international wettbewerbsfähig zu bleiben, werden immer mehr Komponenten und sogar ganze Autoserien in den osteuropäischen Nachbarländern produziert. Durch den Kostenmix und hohe Investitionen in die Rationalisierung wurden Standortnachteile Deutschlands, die vor allem in den hohen Lohn- und Lohnnebenkosten bestehen, ausgeglichen.

Gleichzeitig kaufen die Deutschen zunehmend ausländische Autos bzw. Autos deutscher Hersteller, die im Ausland günstig produziert werden. Um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autoindustrie - oder besser gesagt der Autoindustrie in Deutschland - zu erhalten, werden in fast allen Autokonzernen Verhandlungen über Tarifzugeständnisse und Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich geführt. Das Lohn- und Tarifsystem wird hinter der Fassade von gestern gründlich umgebaut - immer mit der Drohung, sonst werde noch mehr ins Ausland verlagert.

Bei Opel ist das jetzt richtig ausgebrochen. Dort geht es nicht nur um das Grollen des Vulkans, sondern hier fließt schon heiße Lava. Ein internationaler Konzern hat ganz einfach beschlossen, seine Produktion weltweit neu zu ordnen. Und da er in China neue Kapazitäten aufbaut und in Osteuropa bereits aufgebaut hat, überprüft er, an welchen Standorten innerhalb seines Produktions- und Vertriebsnetzwerkes die Markt- und Wettbewerbslage am schlechtesten ist. Und da kam offensichtlich heraus, dass der teure Standort Deutschland - mit Ausnahme des hochmodernen Eisenacher Werks - nicht mehr rentabel ist.

Konsequenterweise erwägt man, an teuren Standorten alte Werke zu schließen und an preisgünstigeren Standorten neue Werke aufzubauen. Das alles ist rational und nachvollziehbar. Natürlich mögen Managementfehler, falsche Markteinschätzungen oder Fehler bei der Produktpalette eine Rolle spielen. Aber das macht ja gerade den Wettbewerb aus. Jene Anbieter, die clever waren, können noch die hohen Preise für ihre Autos realisieren, die anderen nicht.

Sowohl hinter der Diskussion bei Opel wie auch bei Karstadt wird etwas sichtbar, was der Chef von General Electric, Jeffrey R. Immelt, am Sonntagabend bei Sabine Christiansen völlig ohne Schnörkel gesagt hat: Er würde in Deutschland im Hinblick auf die hohen Kosten immer weniger traditionelle Industrieprodukte fertigen lassen. Es gäbe günstigere Standorte auf der Welt, auch in Europa.

Aber gleichzeitig investiert GE zweistellige Millionenbeträge in ein neues Forschungszentrum in München. Es gibt, so Immelts Hinweis, fast keinen Platz in der Welt, der für solche komplexen Technologieentwicklungen anziehender wäre als Deutschland mit seinen technischen Universitäten und Forschungszentren. Dies gelte für die Biotechnologie oder für neue Werkstoffe genauso wie für andere Innovationen.

Es ist bezeichnend, dass am selben Tag, an dem um den Abbau von 10 000 Stellen bei Opel gerungen wurde, die Softwarebranche in Deutschland meldete, sie werde bis zu 10 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Wenn wir also im Zuge des Strukturwandels eine Krise bekommen, dann nicht, weil im internationalen Wettbewerb bestimmte Produktionen aus Deutschland in Billiglohnländer abwandern, sondern weil wir keinen Ersatz geschaffen haben - ausreichende Voraussetzungen für Entwicklung und Produktion hochinnovativer Technologien und Dienstleistungen. Wer aber Arbeitsplatzgarantien fordert, muss wissen, dass solche in einem Wettbewerbssystem nur so lange gelten, wie auch die betreffenden Produkte verkauft werden können. Arbeitsplatzgarantien ohne entsprechende Absatzchancen sind Täuschungsmanöver, die wie andere Lügen kurze Beine haben.

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