So seh ich es
Die wirkliche Chefsache für den Kanzler

Jetzt schlägt die Politik zurück. Lange genug hat sich der Kanzler angehört, was die Wirtschaft alles an seiner Politik kritisiert. Nun dreht er den Spieß um: Im Fall Karstadt wirft er den Verantwortlichen ein "krasses Managementversagen" vor. Es reizt ihn sehr, Karstadt zur Chefsache zu machen, wäre da nicht die bittere Erfahrung mit der Philipp So halten sich der Kanzler und sein Wirtschaftsminister zurück und weisen auf die begrenzten Möglichkeiten der Politik hin.

Aber im Klartext: Es gibt nicht nur begrenzte, sondern überhaupt keine Einwirkungsmöglichkeiten der Politik. Hier wird ein großes Einzelhandelsunternehmen, das in der jetzigen Form keine Überlebenschancen mehr hat - mit schlimmen Folgen für Beschäftigte und Aktionäre - saniert. Aber vergessen wir nicht, wie viele kleine Einzelhandelsunternehmen in den letzten Jahren leise gestorben sind.

Überraschend ist die Entwicklung deshalb nicht. Und sie war es auch nicht für das Karstadt-Management. Die Branchen Bau und Einzelhandel verlieren insgesamt an Umsatz und Beschäftigung. Das hat bei vielen kleinen Firmen Folgen, aber natürlich auch bei großen Unternehmen wie Holtzmann und Karstadt. Für die konkreten Vorgänge müssen die Manager sowohl gegenüber den Aktionären als auch gegenüber der Belegschaft und der Öffentlichkeit Verantwortung übernehmen.

Das alles ist in einer kapitalistischen Ordnung normal und letztendlich auch notwendig. Ist die kapitalistische Dynamik intakt, so werden mit dem Angebot neuer Produkte und Dienstleistungen beziehungsweise mit dem Angebot alter Produkte in neuen Strukturen wieder neue, produktivere Arbeitsplätze entstehen. Und hier kann die Politik aus diesen Vorgängen wirklich etwas lernen: Uns fehlen in Zukunft die vielen neuen Unternehmer, die wir brauchen, um die alten zu ersetzen.

Wir brauchen Menschen, die wirtschaftliche Verantwortung übernehmen, Vermarktungsideen haben und bereit sind, auch ein gewisses wirtschaftliches Risiko auf sich zu nehmen. Ohne solche Menschen kann eine kapitalistische Gesellschaft nicht auskommen. Nur dann funktioniert der von Schumpeter so eindrucksvoll beschriebene "Prozess der schöpferischen Zerstörung". Der verlangt uns ab, auch den Niedergang von Unternehmen zu akzeptieren, damit sich danach wieder das Bessere durchsetzen kann. Dieser Prozess kommt jedoch bei uns nicht ausreichend in Gang, wenn der Anteil derjenigen Menschen, die keine unternehmerische Verantwortung übernehmen wollen oder können, in einer Gesellschaft überhand nimmt. Die Verlierer sind dann letztendlich wir alle.

In Deutschland hat nur jede zehnte Erwerbsperson eine eigene Firma. In Irland, Europas neuem Musterschüler, trifft das auf jede fünfte Person zu. Der europäische Durchschnitt liegt bei einer Selbstständigenquote von immerhin vierzehn Prozent. Der Zusammenhang zwischen Wachstum und Unternehmertum scheint sich somit auch in harten empirischen Zahlen widerzuspiegeln. Das weiß seit 2003 auch die Bundesregierung und strebt seither an, hier wenigstens die europäische Durchschnittsquote einzuholen. Ein guter Vorsatz, der jedoch massive zusätzliche Anstrengungen notwendig macht. Ein Blick auf die Altersstruktur von Unternehmensgründern zeigt schnell warum.

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