So seh ich es
Erschöpftes Land

Der hohe Reformdruck sollte die Politik dazu veranlassen, mehr Experimentierfreude zu zeigen.

Merkwürdig erschöpft wirken Land und Leute am Ende dieses Jahres. Alle sind von allen enttäuscht, weil ihre echten oder vermeintlichen Anstrengungen und Opfer nicht belohnt und anerkannt werden. Die Bürger sind enttäuscht von den Politikern, weil ihnen rasche Besserung der Lage versprochen wurde. Heute wissen sie, dass das nicht die Wahrheit war und dass es am Ende dieses Reformprozesses wohl nicht allen besser gehen wird.

Im Hinblick auf die Alterung unserer Gesellschaft müssen in einem umfassenden Reformprozess über viele Jahre hinweg unsere kollektiven Sicherungssysteme umgebaut werden. Der gegenwärtige Lebensstandard und die gewohnte Sicherheit können dabei nicht mehr gewährleistet werden. Die Politiker wissen auch nicht so richtig, wie und wo das Ganze enden soll. Sie haben nicht einmal den Mut, den Bürgern die Bereitschaft abzuverlangen, in einem offenen gesellschaftlichen Prozess den richtigen und gerechten Weg in die Zukunft unserer Gesellschaft zu suchen. Das erfordert auch Experimentierfreudigkeit.

Die Politiker ihrerseits sind doppelt enttäuscht. Einmal weil sie immer noch glauben wollen, dass es einfachere Reformkonzepte gibt, bei denen am Ende alle gewinnen. Sobald sie aber ein großes Reformthema anfassen und dabei auf den Sachverstand der Experten zurückgreifen, erkennen sie, dass die einfachen Grundsätze wie "Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet" zwar immer Beifall ernten, aber gar nicht so einfach umzusetzen sind. Auch die Idee von der Steuererklärung auf dem Bierdeckel wird gerne beklatscht - aber nur so lange, wie die Pendler, die Nachtschwestern, die Häuslebauer und viele weitere auch künftig ihre Sonderbehandlung bekommen.

Zweitens sind die Politiker von den Bürgern enttäuscht, weil diese ihr Vertrauen nur noch jenen Politikern schenken, die wenigstens im Kleinen etwas Handfestes erreichen. Parteiprogramme werden wertlos. Wichtiger denn je ist die konkrete Person, die sich sichtbar für die Allgemeinheit einsetzt. Das zeigt sich am besten bei Kommunalwahlen, wo den Menschen die Parteizugehörigkeit ziemlich gleichgültig ist.

Eine ähnliche Vertrauenskrise gibt es in der Wirtschaft. Weder jene Manager, die aus Angst vor Konflikten ihre wachsenden Wettbewerbsprobleme verdrängen, erhalten das Vertrauen der Arbeitnehmer, noch diejenigen, die dauernd die Drohkulisse aufbauen, ihren Standort ins Ausland zu verlagern, wenn die Arbeitszeit nicht um zwanzig Prozent erhöht und dafür die Löhne um zwanzig Prozent gesenkt würden. Vor allem dann nicht, wenn sie gleichzeitig immer höhere Gewinne melden.

Nicht umsonst stehen Spitzenmanager wie Heinrich von Pierer oder Wendelin Wiedeking bei Umfragen zu verantwortungsvollen Unternehmensführern ganz oben. Diese erklären den Leuten, wann sie die Produktion ins Ausland verlagern müssen. Sie sagen ihnen aber auch, warum sie gleichzeitig bei vernünftigen Vereinbarungen mit den Arbeitnehmern und ihren Betriebsräten mit neuen Arbeitszeitmodellen und anderen flexiblen Lösungen manchmal drohende Schließungen abwehren können und durch eine Verlagerung meist auch zu Hause neue Arbeitsplätze mit höherer Wertschöpfung geschaffen werden. Auch die Gewerkschaften sind enttäuscht, weil sie trotz großer Zugeständnisse Mitglieder verlieren, die zu Recht nicht mehr daran glauben, dass große Organisationen mit starkem politischem Einfluss die globalen Prozesse aufhalten können.

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