So seh ich es
Europa als Jurassic-Park

Während sich die Wirtschaft in Asien und Amerika dynamisch verändert, verharrt die Politik in Europa in musealer Starre. Dabei geht die Erstarrung nicht nur von bestimmten Interessengruppen aus, auch die Erwartungen und Ängste der Bevölkerung spielen eine nicht geringe Rolle.

Man nennt ihn den Propheten der Globalisierung. Der Amerikaner Thomas L. Friedman, Autor des 1,5 Millionen Mal verkauften Buches "The world is flat", gab kürzlich in Deutschland ein Interview, in dem er auch auf die Bedeutung Europas zu sprechen kam. Es ist ja immer sehr interessant zu hören, wie gerade Außenstehende unser Land und unseren Kontinent einstufen. Das gilt umso mehr, je einflussreicher die Meinung der betreffenden Persönlichkeit ist.

Und im Falle des viel gelesenen Pulitzer-Preisträgers Friedman ist die Wirkung natürlich sehr hoch anzusetzen. Vieles von dem, was er sagt und schreibt, mag uns da nicht schmecken. Manches mag auch nicht wirklich zutreffen oder scheint uns zumindest stark überzogen zu sein. Aber im Kern steckt in einer solchen Sicht von außen oftmals eine Prise Wahrheit, die eben nicht zu leugnen ist und die uns Anlass geben sollte, über uns selbst nachzudenken.

So ist es auch im Falle Friedmans, wenn er etwa schreibt: "Ich reise gern nach Europa! Ich liebe die Museen, ja Europa ist ein lebendes Museum." Hinter dieser frechen, aber pointierten Formulierung verbirgt sich die kritische Analyse, dass sich die Europäische Union mit den notwendigen wirtschaftlichen Anpassungsprozessen schwer tut. Friedman entdeckt bei uns immer noch zu wenig Dynamik und zu viel politischen Ehrgeiz, die alten Strukturen zu bewahren. Ein Indiz für die europäische Wandlungsträgheit sei etwa die Tatsache, dass die zwanzig führenden Unternehmen Europas vor zwei Jahrzehnten quasi dieselben seien wie heute. In den Vereinigten Staaten hingegen sei kein einziges Unternehmen von damals mehr unter den Top Twenty.

Das ist in der Tat ein beeindruckendes Zeichen dafür, wie sehr eine Wirtschaft sich verändert. Europa - so Friedman - weise zwar eine Menge positiver Eigenschaften auf, es leide aber in vielen Dingen sehr an sich selbst. Der Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften, Mancur Olson, nannte dieses in der Geschichte immer wieder zu beobachtende Phänomen innerhalb von Gesellschaften die "institutionelle Sklerose". Gemeint ist ganz allgemein die Ausbremsung wirtschaftlicher Dynamik durch das Anwachsen zu vieler Sonderregelungen und protektionistischer Interventionen, die maßgeblich durch den Egoismus unterschiedlichster Interessengruppen vorangetrieben werden.

Es ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dass die Europäische Union als Ganzes ebenso an dieser Krankheit leidet wie viele ihrer einzelnen Mitgliedstaaten. Uns Deutschen ist diese Problematik nach Jahren anhaltenden Reformkampfes durchaus vertraut. Und sicherlich nicht minder betroffen ist etwa unser wichtigster EU-Partner Frankreich.

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