So seh ich es
Im Osten was Neues

Die Wahlen in den neuen Ländern sind vorbei, und die alten und neuen Regierungen machen sich wieder an ihre Arbeit. Jetzt kann auch die Nabelschau beendet werden und der Streit um die Frage, wie viel Transferleistungen bisher wirklich in den Osten geflossen sind. Ohne Zweifel aber ist davon ein viel zu hoher Anteil zur Abfederung von sozialen Probleme genutzt worden und zu wenig Geld in Zukunftsinvestitionen geflossen.

Und richtig ist auch, dass von den Investitionsmitteln in der Vergangenheit zum Teil unnötige und überdimensionale Infrastrukturprojekte finanziert wurden. Die Flughäfen im Osten sind überdimensioniert, die Abwasseranlagen ebenso. Erschlossene Gewerbegebiete werden nicht gebraucht, und den Arbeitslosen in den strukturschwachen Regionen helfen auch nicht die renovierten Arbeitsämter. Den Aufbau einer neuen Produktions- und Dienstleistungsgesellschaft, die im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig sein soll, kann man nicht mit einer Subventionspolitik aus der großen Gießkanne erreichen.

Die Optimisten rechnen Problembranchen wie den Bausektor aus der offiziellen Statistik heraus und finden dann - welche Überraschung -, dass die erfolgreichen neuen Industriezweige wie die Halbleiterindustrie und die Optoelektronik durchaus höhere Wachstumsraten haben als der Gesamtdurchschnitt des Westens und dass auch die Exportraten rasch wachsen.

Übereinstimmend kommen bei allen Analysen und auch bei den Vorschlägen der "Arbeitsgruppe Ost" unter Vorsitz von Klaus von Dohnanyi die Experten zu dem Ergebnis: Die Leuchtturm- oder Clustertheorie ist der Ansatz, auf dem jetzt rasch weiter aufgebaut werden muss. Anstatt sich weiter über Autobahnen oder Eisenbahnlinien zu streiten, muss man den Wissenschafts- und Technologiebereich mit größten Anstrengungen ausbauen. Aus Universitäten, Frauenhoferinstitut und Einrichtungen, die von der früheren Akademie der Wissenschaften der DDR übrig geblieben sind, muss ein Netzwerk für die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Produkten und Verfahren im Technologietransfer erwachsen. Mit tatkräftiger Unterstützung und Risikokapital müssen die Voraussetzungen für neue Unternehmensgründungen als Kern einer mittelständisch orientierten Wissenschafts- und Technologielandschaft geschaffen werden.

Wenn man einmal untersucht, was um die Zentren in Dresden oder Jena an neuen Technologieunternehmen und Dienstleistungseinrichtungen entstanden ist, wird der richtige Ansatz sichtbar. Wer sich das Rating der technischen Universitäten der neuen Bundesländer ansieht, weiß, dass hier eine große Zahl junger Menschen ausgebildet wird, die nicht wegziehen würden, wenn sie in und um die Universitäten herum geeignete Arbeitsplätze fänden.

Was fehlt, ist mithin eine Organisation, die sich dem raschen Wissens- und Technologietransfer und der Verbindung zwischen Ideen, Markt und Finanzierung widmet. Während beispielsweise die Universitätskliniken in den alten Bundesländern längst über Jahrzehnte ihre Forschungsbeziehungen zur Pharmaindustrie aufgebaut haben, leiden die Kliniken im Osten, obwohl sie die neuesten und modernsten Einrichtungen mit höchst qualifiziertem Personal besitzen, unter viel zu wenig Kontakt zu der industriellen Forschungs- und Entwicklungsumwelt.

Warum nimmt sich die Bundesregierung zusammen mit den Landesregierungen und der KfW nicht des Aufbaus eines solchen Wissenschafts-, Forschungs- und Transfernetzwerks an und schafft das finanzielle Rückgrat für eine solche Entwicklung? Die in allen Ländern vorhandenen Einrichtungen zur Förderung von Unternehmensgründungen könnten dabei mit Unterstützung des privaten Kapitalmarktes ausreichend Kapital für junge Unternehmensgründer bereitstellen.

Hierfür gibt es ein gutes Vorbild aus Baden-Württemberg. 1971 wurde dort die Steinbeis-Stiftung gegründet. Ihr Namenspatron ist Ferdinand von Steinbeis, der sich im Auftrag des Königs von Württemberg im 19. Jahrhundert um Industrie-, Handels- und Wirtschaftsförderung bemühte. Das kleine Königreich Württemberg hatte weder Rohstoffe, noch lag es verkehrsgünstig. Die ersten Exportartikel waren daher Landeskinder, die in die Vereinigten Staaten auswanderten, weil die kleinen bäuerlichen Höfe sie nicht ernähren konnten. Die Entwicklung von Gewerbeschulen und später technischen Fachhochschulen und Universitäten schafften die Grundlagen für eine Bildungs- und Forschungsstruktur, die den Aufstieg des armen Agrarlandes zur heutigen High-Tech-Region erst ermöglichte. Heute ist die Steinbeis- Stiftung so erfolgreich, dass sie auf Fördermittel nahezu verzichten kann und im Jahre 2003 in 565 Transferzentren in 50 Ländern der Welt allein 21 000 Projekte bearbeitet hat.

Man kann die Frage stellen, warum die Steinbeis-Stiftung heute Transferzentren in Südafrika und im Nahen und Fernen Osten errichtet und niemand bei uns auf die Idee kommt, eine solche Stiftung, die inzwischen sogar eine eigene Hochschule in Berlin betreibt, zu beauftragen, ein vergleichbares Netzwerkkonzept in Deutschland aufzubauen. Würde dann noch die KfW mit all ihrer Erfahrung gemeinsam mit den Landesbanken die Bereitstellung von Risikokapital und Bürgschaften organisieren, käme ganz sicher Bewegung in den Aufbau solcher Cluster.

Gewiss, auch solch ein Projekt ist mit Risiken verbunden, aber: "no risk, no fun". Wir haben in der Vergangenheit nichts gewagt und wollten mit statischen Konzepten Ostdeutschland zum Blühen bringen. Jetzt darf sich keiner darüber wundern, dass vielen der Spaß vergangen ist. Wir sollten daraus lernen.

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