So seh ich es
Mehr Arbeit statt weniger Geld

"Arbeitsplätze auf dem gegebenen Lohnniveau können nur über kräftiges Wachstum entstehen – doch das steht nicht in Aussicht."

Zu Zeiten, als wir an ein hohes Wirtschaftswachstum und mit ihm an kräftige Lohnzuwächse gewohnt waren, begannen die Gewerkschaften verstärkt den Kampf um Arbeitszeitverkürzung. Ihr Argument lautete damals: mehr Freizeit, um den gewonnenen Lebensstandard besser nutzen zu können. Heute ist Deutschland Weltmeister in Sachen Freizeit. Vor vierzig Jahren haben die Arbeitnehmer hier zu Lande noch 50 Prozent mehr Zeit am Arbeitsplatz verbracht. Die Gewerkschaften waren also äußerst erfolgreich. Doch die Sachlage hat sich geändert.

Im Gegensatz zu damals fehlen uns heute die hohen Wachstumsraten. Stattdessen werden auf allen Ebenen notwendige Konsolidierungen durchgeführt. Wir müssen ein Stück der Annehmlichkeiten aus den außerordentlich guten Jahren wieder aufgeben. Und logischerweise sollten wir - nach dem Motto "last in, first out" - an der letzten und damit erträglichsten Errungenschaft Hand anlegen: der Arbeitszeit.

In der heutigen Situation können die Gewerkschaften nur so für die Sicherung der Arbeitsplätze bei gleichzeitiger Stabilisierung der Lohnhöhe kämpfen. Das Argument muss deshalb heute lauten: mehr Arbeit, um den gewonnenen Lebensstandard auch weiterhin halten zu können. Alles andere ist Augenwischerei.

Die Lohnstückkosten in Deutschland sind zu hoch und im internationalen Vergleich zunehmend wettbewerbsunfähig. Im verarbeitenden Gewerbe beispielsweise lagen 2001 die Lohnstückkosten um zwölf Prozent über dem Durchschnitt der wichtigsten Industrieländer.

In dieser Situation gibt es genau zwei Möglichkeiten, den Lohn pro Produktionseinheit und damit pro Stunde zu senken: Entweder man kürzt das monatliche Entgelt bei gleicher Arbeitszeit. Oder aber man verlängert die Arbeitszeit bei gleichem Lohn.

Mit denselben Prioritäten, mit denen einst die Verbesserungen für Arbeiter und Angestellte erkämpft wurden - nämlich erst mehr Geld, dann mehr Freizeit -, sollte auch jetzt vorgegangen werden. Lieber mehr Arbeit statt weniger Geld.

Mit Sicherheit werden die meisten Arbeitnehmer ein oder zwei Stunden Mehrarbeit pro Woche einer Kürzung der Reallöhne vorziehen. Zudem hat diese Lösung einen klaren konjunkturpolitischen Vorteil, weil sie die Nachfrage der privaten Haushalte nicht belastet. Auch wer zwei Wochenstunden mehr arbeitet, dem bleibt immer noch genug Zeit, die gewohnte Geldmenge zu verkonsumieren. Darüber hinaus kann man hoffen, dass die so erreichte Sicherung vieler Arbeitsplätze den einen oder anderen wieder dazu veranlassen wird, mehr Geld in den Umlauf zu bringen.

Die Statistiker berechnen für das kommende Jahr eine Wachstumssteigerung von 0,6 Prozentpunkten - und zwar nur, weil durch das kalenderbedingte Zusammenfallen von ein paar Feiertagen mit dem Wochenende die Jahresarbeitszeit ein wenig verlängert wird. Damit dürfte schnell klar werden, wie effektiv eine flächendeckende Ausweitung der Arbeitszeit ist. Schon die Verlängerung um eine Arbeitsstunde pro Woche würde im nächsten Jahr das Bruttoinlandsprodukt um etwa 1,5 Prozent steigern. Dieses kleine Opfer steht wohl in keinem Verhältnis zu dem großen Gejammer, das uns schon länger begleitet.

Dass es sich bei alledem nicht um unrealistische Wunschträume handelt, zeigen verschiedene bereits begonnene Anstrengungen. Sogar in den öffentlichen Haushalten kommt der Stein langsam ins Rollen. Die Not hat schon einige Länder wie Berlin, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen zu einer parteiunabhängigen Einsicht gedrängt: Sie verlängerten die Wochenarbeitszeit für Beamte zum Teil auf 42 Stunden ohne Lohnausgleich.

Allein Länder und Gemeinden beschäftigen zusammen satte zwei Millionen Beamte. Arbeitszeitverlängerung ist ein geeignetes Mittel, um deren Zahl langsam auf ein bezahlbares Maß zu reduzieren. Selbst die Bundesregierung überlegt inzwischen, die Arbeitsstunden ihrer Staatsdiener dem 40-Stunden-Niveau Ostdeutschlands anzupassen und nicht umgekehrt. Diese Maßnahmen stellen einen wirksamen Beitrag zur zukunftsträchtigen Entlastung der öffentlichen Finanzen dar. Und die ist dringend geboten.

In der Privatwirtschaft nehmen die Forderungen nach Anpassung der Lohnstückkosten über eine Erweiterung der Wochenarbeitszeit ebenfalls deutlichere Konturen an. Der neue Bosch-Chef Franz Fehrenbach will eine radikale Umkehr und fordert in aller Öffentlichkeit die Wiedereinführung der 40-Stunden- Woche ohne Lohnausgleich. Dadurch könne er die Herstellkosten allein durch die Senkung im eigenen Unternehmen um bis zu fünf Prozent reduzieren. Rechnet man die Kostensenkung deutscher Zulieferer hinzu, so würde man im internationalen Vergleich wieder richtig interessante Zahlen vorweisen können.

Noch ein Wort zur Arbeitslosigkeit: Mancher Gewerkschaftsvertreter stellt eine statische Verknüpfung zwischen Arbeitszeitverkürzung und der Schaffung von Arbeitsplätzen her. Dabei müsste jedem klar sein, dass durch die Verteilung der Arbeit auf mehr Menschen bei entsprechendem Lohnausgleich die Arbeitslosigkeit nur wachsen, nicht sinken kann. Und sie wächst. Arbeitsplätze auf dem gegebenen Lohnniveau können nur über kräftiges Wachstum entstehen. Und das steht nicht in Aussicht. Niemand prognostiziert für Deutschland langfristig ein Wachstum von zwei Prozent. Aber erst oberhalb dieser Marke beginnt die Zahl der Arbeitslosen zu sinken. Es bleibt also kein anderer Ausweg. Wir müssen mehr Wachstum durch mehr Arbeit schaffen.

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