So seh ich es
Mehr Unternehmer braucht das Land

Eine Marktwirtschaft kann nur funktionieren, wenn es genügend Unternehmer gibt, die nach wirtschaftlichen Erfolg versprechenden Aktionen Ausschau halten und sich voll für deren Umsetzung engagieren. Nur so kann das kapitalistische System seine Wohlstand bringende Kraft entfalten. Doch die Zahl der Existenzgründungen droht in Deutschland über Jahrzehnte hinweg zu schrumpfen.

Natürlich muss nicht jeder Bürger und auch nicht jeder Erwerbstätige wirtschaftlich selbstständig sein. Aber die Zahl von selbstständigen Unternehmern muss in einem vernünftigen Verhältnis zu jener der angestellten Arbeitnehmer stehen. Der europäische Durchschnitt liegt bei einer Selbstständigenquote von rund 14 Prozent. Das florierende Irland besitzt mit 20 Prozent eine Quote, die doppelt so hoch ist wie die deutsche mit gerade 10 Prozent. Das ist sicher kein Zufall.

Allein diese Kennziffer legt nahe, dass unser Land mehr Unternehmer benötigt. Gerade im Kampf gegen die hohe Arbeitslosigkeit gibt es vielleicht keine wichtigere Schlüsselgröße als das selbstständige Unternehmertum. Nach so manchen Klassenkämpfen des Industriezeitalters zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ging dieser einfache Zusammenhang im ideologischen Streit verloren. Und auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft schwindet die Bedeutung von riesigen industriellen Arbeitgebern zu Gunsten von mehr kleineren und flexibleren Produktions- und Dienstleistungsunternehmen. Mit einer Selbstständigenquote von 10 Prozent ist aber kein Staat zu machen.

Obwohl die Selbstständigenquote schon jetzt auffallend gering ist, droht die Gefahr, dass sie noch tiefer sinken wird. Eine Bedrohung geht etwa von den geringen Reproduktionsraten aus, die uns auch auf diesem zentralen Feld einholen. Laut Gründungsmonitor der KfW-Mittelstandsbank sind über 60 Prozent der Unternehmer zum Zeitpunkt der Gründung ihrer Firma jünger als 40 Jahre. Die Entscheidung zur Selbstständigkeit wird meist in jungen Jahren getroffen. Risikobereitschaft und nervliche Belastbarkeit sind bei Jüngeren im Allgemeinen größer. Scheitert man, bleibt schließlich noch Zeit, es anders zu versuchen.

Geht man also von einer relativ gleich bleibenden Altersverteilung bei der Firmengründung aus, wird der Unternehmerbestand in Deutschland überproportional abnehmen. Insgesamt kann man einen Rückgang der Existenzgründungen bis zum Jahr 2050 fortschreiben. Und er wird doppelt so stark ausfallen wie jener der Gesamtbevölkerung.

Ein zweiter Bedrohungsfaktor macht sich schneller bemerkbar. Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn ermittelte, dass in den kommenden Jahren in der Bundesrepublik jährlich rund 71 000 Unternehmen übergeben werden. Die meisten sind Familienbetriebe, deren Firmenchefs aus Altersgründen aufhören. Doch die Übergabe gelingt längst nicht allen Unternehmen. Solche, deren Übergabe endgültig scheitert, gehen der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt verloren.

Die Gründe für ernsthafte Übergabeprobleme oder gar ein Scheitern sind vielfältig. Zu den typischen Fällen gehört allerdings, dass die Erben eines Familienbetriebs die Unternehmerlast des scheidenden Besitzers nicht tragen wollen. Die Kinder oder gegebenenfalls auch Enkelkinder eines Firmenpatriarchen können von Kindesbeinen an miterleben, was es bedeutet, unternehmerische Verantwortung zu tragen. Sie sehnen sich oft nach einem Leben, in dessen Mittelpunkt nicht mehr die Firma steht.

Seite 1:

Mehr Unternehmer braucht das Land

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%