So seh ich es
Mit offensiver Politik zum Erfolg

Das Fußballfest hat der Welt gezeigt, dass - wie Uno-Generalsekretär Kofi Annan zu Bundespräsident Horst Köhler sagte - man keine Angst mehr vor deutschem Patriotismus zu haben brauche. Unser aller Kaiser Franz Beckenbauer meinte sogar, "so stellt sich der liebe Gott die Welt vor". Doch auch wenn die vergangenen Wochen etwas Paradiesisches an sich hatten, sind die Probleme auf deutscher Erde dadurch nicht einfach verschwunden.

Das schöne Ereignis kann uns bestenfalls helfen, sie in Zukunft entschlossener in Angriff zu nehmen. Vieles ist eben nur eine Frage der mentalen Einstellung. Die Botschaften sind offensichtlich. Wer zudem der Frage nachgeht, wie es zu dem oft zitierten Klinsmanneffekt kam, der findet dabei auch Lehrreiches für die Reformpolitik. Allein die Tatsache, dass es sich bei unserem Teamchef um einen sehr sympathischen Sportsmann handelt, der bereits als Spieler den Weltpokal geholt hat, erklärt noch nicht die Aufbruchstimmung. Beides traf auch auf seinen Vorgänger Rudi Völler zu, der 2002 sogar bis ins Endspiel kam. Entscheidend für den außergewöhnlichen emotionalen Schub war, dass Klinsmann sich als Innovator präsentierte, der die alten Strukturen aufbrach und das Ziel im wahrsten Sinne des Wortes "offensiv" anging. Da fällt mir sofort das gute alte Sprichwort ein: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Das gilt im Fußball genauso wie in der Politik. Klinsmann war stets bereit, etwas zu wagen: neue Gesichter, neue Methoden, Wettbewerb und Experimente. Als in der Endrunde das System Klinsmann dann schlagartig funktionierte, versetzte das die deutsche Bevölkerung in übergroße Begeisterung.

Was kann die Politik - und hier speziell die Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik - von Klinsmann lernen? Politiker und Gewerkschafter spielen seit Jahren eine extrem defensive Taktik. Am auffälligsten zeigt sich der torlose Abwehrpanzer beim Thema Kündigungsschutz. Die Begründung lautet stets: In Zeiten, in denen die Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, darf man es Unternehmen nicht noch leicht machen, ihre Angestellten loszuwerden.

Die Sorgen der Beschäftigten sind verständlich. Vergessen wird dabei aber, dass man bereits seit langem im Rückstand liegt und das Spiel nicht gewinnen kann, indem sich alle in den Strafraum stellen. Bei rund fünf Millionen Arbeitslosen muss man in die Offensive gehen. Tore schießen heißt hier, die Entstehung von mehr Arbeitsplätzen zu ermöglichen. Es kann doch nicht unser Ziel sein, den Status quo zu halten. Wir müssen möglichst viele Arbeitslose wieder ins Spiel zurückbringen.

Experten warnen seit langem vor der schädlichen Wirkung eines zu rigiden Arbeitsmarktes. Ein nicht unwichtiger Aspekt ist dabei eben der Kündigungsschutz. Die Mauern, die man zum Schutz der in Lohn und Arbeit befindlichen Menschen hochgezogen hat, zeigen ihre Wirkung leider nach beiden Seiten. Sie lassen nicht nur die Beschäftigten schwer hinaus, sondern zugleich die Arbeitslosen mindestens ebenso schwer herein.

Unternehmen scheuen immer mehr die unkalkulierbaren Risiken, die mit einer unbefristeten Anstellung verbunden sind. Und an den Börsen werden solche Risiken mitunter schwer bestraft, ob man das nun richtig findet oder nicht. Der Kündigungsschutz ist ein äußerst defensives Instrument aus dem Industriezeitalter. Er schützt nur in gewissen Konstellationen vor Entlassung, schafft aber nur schwer neue Arbeitsplätze. Im Gegenteil: Drohende Auseinandersetzungen vor Arbeitsgerichten motivieren Unternehmen, Festanstellungen hier zu Lande auf ein Minimum herunterzufahren. Der Anteil derjenigen, die überhaupt in den Genuss des hohen Kündigungsschutzes kommen, wird dadurch immer geringer. Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung - und damit die Lohnnebenkosten - steigen weiter und verteuern den Faktor Arbeit. Ein Teufelskreislauf ist dies, den die Bundesregierung durchbrechen wollte.

Seite 1:

Mit offensiver Politik zum Erfolg

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%