So seh ich es
Mut zum europäischen Markt

Es gibt eine sehr verlockende Milchmädchenrechnung, die auch 230 Jahre nach Adam Smith? Erstausgabe vom "Wohlstand der Nationen" noch immer in vielen Köpfen herumspukt: Wenn ein Land unter hoher Arbeitslosigkeit leidet, müsse man zunächst dafür sorgen, dass die begehrten Jobs an die heimische Bevölkerung verteilt werden.

Eine solche existenzielle Angelegenheit verlange schließlich klare nationale Prioritäten. Und das bedeute, erst alle arbeitswilligen einheimischen Bürger in Brot und Arbeit zu bringen, bevor man - sei es aus Arbeitskräftemangel oder aus reiner Menschlichkeit - Ausländern vom Kuchen der Erwerbsarbeit etwas abgebe.

Der schottische Aufklärer Smith war schon damals gegen diese und andere protektionistischen Fehleinschätzungen zu Felde gezogen. Sie existieren dennoch im 21. Jahrhundert fort, und zwar ungeachtet der zahlreichen Bedenken und empirischen Belege, die seither die negativen Wirkungen von Protektionismus aufgedeckt haben.

Die Geschichte der Europäischen Union ist unter anderem die Geschichte der Überwindung des nationalen Protektionismus. Und dennoch war bei jedem Entwicklungsschritt gleichzeitig auch der alte Reflex nach Abschottung und Bewahrung zu verzeichnen. Offenbar muss jedes Mal aufs Neue um Marktvertrauen gekämpft werden.

Ein bewährtes altes Buch kann da helfen. Es reicht jedoch leider nicht aus. Der Angstreflex dominiert im entscheidenden Moment die Vernunft. So haben auch alle Expertisen und Beruhigungsappelle vor der Osterweiterung der Europäischen Union nur bei den wenigsten Mitgliedstaaten ausgereicht, um der alten Versuchung zu widerstehen.

Lediglich Großbritannien, Irland und Schweden haben auf die Inanspruchnahme einer protektionistischen Übergangsregelung von maximal sieben Jahren vollständig verzichtet. Dem Rest der alten EU, nicht zuletzt Deutschland, erschien eine vorläufige Beschränkung der Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt unverzichtbar. Die Angst, von Arbeit suchenden Nachbarn überrannt zu werden, war einfach zu groß.

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