So seh ich es: Neue Schulen braucht das Land

So seh ich es
Neue Schulen braucht das Land

Die Pisa-Studie hat einige Fragen über unser Schulsystem aufgeworfen und Deutschland vom hohen Ross gestürzt. Weder der Stand des durchschnittlichen Bildungsniveaus noch der sozialen Durchlässigkeit entsprachen dem Selbstverständnis der Deutschen.

In der weltweit erscheinenden Zeitschrift "The Economist" war kürzlich zu lesen, dass Deutschland, anstatt seine Talente effizient zu fördern, nur superb darin sei, die Schüler entsprechend ihren Fähigkeiten zu selektieren. Das führt zur sozialen Zementierung und ist volkswirtschaftlich gesehen eine enorme Verschwendung. Fatal für ein Land, dessen Wohlstand auch weiterhin nur aus seinem Humanvermögen erwachsen kann und das so großen Wert auf soziale Gerechtigkeit legt.

Was das konkret bedeutet, bezifferte jüngst das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: Danach verlassen beispielsweise jährlich über 200 000 Schüler die Schulen ohne ausreichende Kenntnisse, wie sie für eine Berufsausbildung erforderlich sind.

Laut Pisa besaß im Jahr 2003 mehr als ein Fünftel der 15 Jahre alten Schüler nicht einmal die Mindestkenntnisse in den Fächern Lesen und Rechnen. Bis zum Ende der Sekundarstufe I bleibt zudem mehr als ein Viertel der Schüler sitzen. Die Wiederholung eines Schuljahres bringt meistens wenig und bedeutet nicht nur verschenkte Zeit für den Schüler, sondern auch verschenktes Geld für den Staat.

Im Jahr 2004 kostete diese ineffiziente Sanktionsmethode 3,7 Milliarden Euro. Dies ist ein Betrag, der sicher besser in eine präventive Pädagogik investiert wäre. Hinzu kommen die hohen Folgekosten für die Schüler, die die Schulen, einschließlich Berufsschulen und berufsvorbereitender Ausbildungsstätten, ohne abschließenden Erfolg verlassen. Allein 2004 traf dies auf rund 250 000 Jugendliche zu. Für viele unter ihnen ist der Weg in das Heer der Jugendarbeitslosen, das bereits eine halbe Million Menschen zählt, vorgezeichnet.

Von vorausschauenden Konzepten kann da wohl keine Rede sein. Man muss kein Prophet sein, um allein anhand dieser wenigen Zahlen vorauszusehen, wo eine kurzsichtige Sparsamkeit des Staates die Probleme erst produziert, die er später nicht mehr zu finanzieren weiß. Aber so wie in anderen Bereichen auch ist es mit einer bloßen Aufstockung des Budgets nicht getan. Gefragt sind massive strukturelle Veränderungen: weg von einem Bildungssystem, das zu stark darauf ausgerichtet ist, überdurchschnittliche Schüler von unterdurchschnittlichen zu trennen, hin zu einem System, das individuelle Schwächen ausgleicht und Talente fördert.

Das lässt sich weder durch das althergebrachte Drei-Klassen-System noch durch eine überwiegende Beibehaltung des herkömmlichen Frontalunterrichts gewährleisten. Für eine solche Umgestaltung ist nicht zuletzt eine massive Fortbildung der Lehrer erforderlich. Eine pädagogische Neuorientierung ist entscheidend. Doch die gängige Praxis bezüglich der Inanspruchnahme und der Akzeptanz neuer Pädagogikkonzepte gilt als unzureichend. Zwar wenden die Länder jährlich eine Milliarde Euro für die Weiterbildungsprogramme auf.

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