So seh ich es
Nicht am falschen Ende sparen

Die neue OECD-Bildungsstudie bescheinigt Deutschland wieder einmal bedenkliche Noten. Dass Bildung dabei nicht nur Selbstzweck, sondern auch eine entscheidende Größe für den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes ist, gilt inzwischen als selbstverständlich. Schrumpfende Schülerzahlen dürfen nicht dazu führen, dass wir künftig weniger Geld für Bildung ausgeben.

p> Deshalb gibt es auch keinen Politiker oder Experten zwischen München und Hamburg, Dresden und Köln, der nicht in Sonntagsreden mehr Geld für Bildung fordert, um deren Qualität zu steigern. Der Nutzen, den man morgen aus den Bildungsinvestitionen von heute ziehen kann, braucht jedoch seine Zeit, bis er in der Gesellschaft ankommt. Das kann in einer Demokratie mit kurzen Wahlperioden zum Problem werden. Die verantwortlichen Politiker müssen die Zusammenhänge und die Notwendigkeiten deshalb gut vermitteln. Andernfalls fließen die Gelder in Bereiche, in denen nicht langfristig und nachhaltig gedacht wird, sondern wo es um kurzfristige Erfolge geht.

Doch was können wir in der aktuellen Situation tun, um das Blatt zu wenden? Zunächst muss man zwischen den verschiedenen Bildungsinstitutionen unterscheiden. Kindertagesstätten, Kindergärten und wohl auch noch Grundschulen haben zum überwiegenden Teil die Funktion, die Kleinsten in der Gesellschaft an die Regeln und Werte unserer Ordnung heranzuführen. Dort werden sie zur Unterstützung der Familien mit Fähigkeiten und allgemeinen Verhaltensweisen ausgestattet, die ein weitgehend reibungsloses Zusammenleben in einer anonymen Großgesellschaft ermöglichen. Gerade dieser Teil der "Bildung" kommt dabei der Gesellschaft als Ganzes zugute. Trägt die Gesellschaft für diese Anpassung nicht Sorge, kommt sie das später teuer zu stehen. Gerade Kinder, die von ihren Familien - aus welchen Gründen auch immer - vernachlässigt werden, müssen deshalb früh aufgefangen werden. All das spricht unbedingt für ein stärkeres finanzielles Engagement des Staates im frühkindlichen Bereich.

Dasselbe gilt für die darauf folgenden Schuljahre. Auch hier ist eine stärkere individuelle Förderung von Schülern angesagt, die nicht allein das Elternhaus leisten kann. Das bedarf einer intensiveren pädagogischen Betreuung. Die Pisa-Studie hat deutlich gemacht, dass das deutsche Schulsystem dabei zu stark auf Kosten sparende Selektion und zu wenig auf kostenintensive Förderung setzt. Dass in einem solchen System diejenigen Kinder klar im Vorteil sind, deren Eltern gebildet und finanziell gut ausgestattet sind, liegt auf der Hand. Das gilt umso mehr, wenn sich im vorschulischen Bereich nicht um Kompensation bemüht wird. Durch diese Zementierung der Sozialstruktur verletzt die Gesellschaft nicht nur den Grundsatz der Chancengleichheit, sondern vergibt zudem viel geistiges Potenzial. Allein schon die demographische Entwicklung gebietet es, die intellektuellen Möglichkeiten unserer Kinder so gut wie möglich zu entfalten. Und die abnehmenden Geburtenraten bieten gleichzeitig eine gute Chance für die Politik, die Ausgaben pro Schüler zu erhöhen.

Man darf dabei aber nicht den Fehler machen, bei den kommenden geburtenschwachen Jahrgängen die Bildungsetats zu kürzen. Nur wenn sie gleich hoch bleiben, kann man ohne größere Verteilungskämpfe die Betreuungs- und Ausstattungsintensität an Deutschlands Schulen beträchtlich erhöhen. Das sonst so sparsame Sachsen ist mit dieser Strategie bereits vorbildlich vorangeschritten und kürzlich in dem vom Institut der Deutschen Wirtschaft veröffentlichten Bildungsmonitor an den Vorjahressiegern Bayern und Baden-Württemberg vorbeigezogen. Man muss eben auch bei der Sparpolitik die richtigen Schwerpunkte setzen.

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