So seh ich es
Ohne Fachkräfte kein Wachstum

Konjunktureller Aufschwung und sinkende Arbeitslosenzahlen: Politiker brüsten sich gerne mit ihren vermeintlichen Erfolgen, doch oftmals fehlt die nötige Weitsicht, um die wirklichen Probleme der Nation anzugehen. Sollte es nicht gelingen, den Fachkräftemangel zu beseitigen, könnte Deutschland einen nachhaltigen Wohlstandsrückgang erleben.
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In Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs sorgen sich die Menschen weniger um ihre Existenz. Bei sinkenden Arbeitslosenzahlen sinkt auch der politische Druck, wirklich etwas zu verändern. Die Parteien sind damit beschäftigt, den Wählern klarzumachen, dass die gute Konjunktur das Verdienst ihrer jeweiligen Politik ist. Dabei verweist die SPD gerne auf die Agenda 2010. Die Union führt ins Feld, dass der Stimmungswechsel mit dem Regierungswechsel kam. Beide Koalitionspartner sind sich schnell einig, wenn es darum geht, die wohltuende Wirkung ihrer gemeinsamen Politik zu lobpreisen.

Das alles ist normal in einer Demokratie. Jeder hat ein bisschen recht, und keiner weiß wirklich, wie groß der Einfluss einzelner Entscheidungen und Reformen war. Doch weil das so ist, fehlt in der Politik meistens auch ein langfristiger Plan. Die Gefahr für eine Regierung, im demokratischen Prozess bei einer Langfriststrategie nur den anfänglichen Ärger zu haben, aber nicht mehr von den unter Umständen erst viele Jahre später spürbaren Effekten politisch profitieren zu können, ist hoch. Die Politik unterschätzt daher systematisch Zukunftsprobleme. Und das ist in solchen Fällen besonders fatal, in denen eine Lösung nur dann herbeigeführt werden kann, wenn sie frühzeitig in Angriff genommen wird.

Genau so verhält es sich beim Fachkräftemangel, der den Aufschwung auszubremsen droht. Experten warnen die Politik schon seit geraumer Zeit vor diesem "Flaschenhals" der Konjunktur. Schlimmer noch: Hier manifestiert sich ein strukturelles Problem. Wenn es in Anbetracht der vorliegenden Daten nicht gelingt, den Engpass weitgehend zu beseitigen, wird Deutschland einen nachhaltigen Wohlstandsrückgang erleben. Der Fachkräftemangel ist ein Problem, das die Politik immer noch kräftig unterschätzt. Und wenn die oben beschriebene Logik des demokratischen Prozesses zutrifft, dann wird man es nur lösen können, indem man die Wähler über diese Zusammenhänge aufklärt.

Im vergangenen Jahr gaben bei einer Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bereits acht Prozent der deutschen Unternehmen an, dass der Mangel an geeigneten Mitarbeitern ihr Geschäft behindere. Schon 2006, so errechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), seien allein im Ingenieurbereich 50 000 Stellen unbesetzt geblieben. Und nach jüngsten Schätzungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHT) fehlten 2007 insgesamt 400 000 Fachkräfte. Das bedeute schon einen Wertschöpfungsverlust von 23 Milliarden Euro und habe uns einen Prozentpunkt Wachstum gekostet.

Vielen Bürgern - wahrscheinlich auch Politikern - erscheint es widersprüchlich, wenn die Wirtschaft darüber klagt, Stellen nicht besetzen zu können, wo doch gleichzeitig immerhin noch 3,4 Millionen Arbeitslose zu beklagen sind. Da stützt sich die Politik auf die einfache Formel, erst einmal die Reserven zu mobilisieren, bevor man anfängt, um kluge Köpfe aus dem Ausland zu werben. Das soll zum einen durch Weiterbildungsmaßnahmen geschehen, zum anderen durch die Zurückholung von vor allem älteren Arbeitslosen oder - wie der Freistaat Sachsen bereits wirbt - von sächsischen Fachkräften, die einst mangels Arbeitsplätze in die neuen Bundesländer umgesiedelt sind. Doch diese Rechnung kann natürlich nicht aufgehen. Erstens kann nicht jeder Arbeitslose zu einer adäquaten Fachkraft gemacht werden. Zweitens können die Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands nach Adam Riese das Gesamtproblem nicht lösen.

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