So seh ich es
"Ratingagenturen gängeln die Unternehmen"

Die Ratingagentur Standard & Poor?s (S&P) hat die Bonität der Münchener Rück abermals herabgestuft. Das erhöht die Kosten der Finanzierung, verschreckt Kunden und verschafft klare Wettbewerbsnachteile. Ähnlich wie vor einem halben Jahr Thyssen-Krupp gegen ihre Bewertung protestierte, probt nun der Rückversicherer den Aufstand, weil die Herabstufung seines Erachtens absolut ungerechtfertigt ist.

Nun könnte man sagen, die großen Player auf den Kapitalmärkten sollen das unter sich ausmachen. Doch es geht um ein Problem, das weit über den konkret vorliegenden Fall hinausgeht.

In den letzten Wochen haben mir viele kleine und große Mittelständler berichtet, dass sie jetzt im Rahmen eines Ratings jede Menge Fragebögen für Kredite aus langjährigen Bankbeziehungen ausfüllen müssten. Bei jungen Selbstständigen werden die Kontokorrentkredite sogar dann einem Rating unterzogen, wenn selbstschuldnerische Bürgschaften wohlhabender Eltern vorliegen.

Und hier beginnen nun die grundsätzlichen Bedenken, denn da wird eine gefährliche Entwicklung deutlich, in die auch die mit dem Kürzel "Basel II" gekennzeichneten neuen Vorschriften für die Unterlegung von Krediten mit Eigenkapital und genauere Bonitätsprüfungen die wirtschaftlichen Prozesse lenken sollen.

Jeder, der sieht, wie massiv die Unternehmensleitungen gezwungen sind, die Vorstellungen der unternehmensfremden Agenturen zu verwirklichen, muss langsam Zweifel am Ratingsystem bekommen. Erst ein Fall von der Kragenweite des weltgrößten Rückversicherers erzeugt die Aufmerksamkeit, die diese Fehlentwicklung verdient und unter welcher der Mittelstand bereits schwer zu leiden hat. Sollen die Unternehmer und Vorstände künftig nur noch die Erfüllungsgehilfen derjenigen sein, die sklavisch einen sturen und starren Bewertungsbogen abgearbeitet haben?

Glaubt man denn tatsächlich, dass die Ratingagenturen die besseren Unternehmer sind? Anscheinend ja! Die heimliche Sehnsucht nach der obersten Kontrollinstanz, die prüft und einen Stempel setzt, tritt in neuer Gestalt auf. Der Lehrer, der alles weiß, kontrolliert und benotet die Hausaufgaben seiner Schüler. Wer nicht hört, wird abgestraft und muss das Schuljahr wiederholen.

Toll, wenn das so funktionieren würde. Wie einfach wäre es mit diesem Wissen dann, zukunftsträchtige Investitionen und bahnbrechende Innovationen zu fördern.

So aber funktioniert es nicht! Und das wissen auch alle. Trotzdem glaubt man, durch die Ratingpraxis mehr Sicherheit zu bekommen, indem man alle durch dasselbe Raster schickt und nach Schema F abfertigt. Bekommt man gute Noten, steht einem alles offen. Wer kein gutes Rating bekommt, weil allein schon seine Strategie nicht ins Schema F passt, wird niemanden - und schon gar keinen Banker - mehr finden, der es noch wagt, ihm Geld zu leihen.

Das Hausbankprinzip, bei dem ein mittelständisches Unternehmen und eine lokale Bank eine Risikogemeinschaft bildeten und in gemeinsamer Verantwortung Erfolg versprechende, aber manchmal notwendigerweise risikoreiche Wege gingen, wackelt durch die Baseler Vereinheitlichungen schon lange.

Mit dem Münchener-Rück-Fall aber stürzt man noch eine Stufe tiefer. Jetzt werden sogar schon die großen Unternehmen schematisch gegängelt. Was bei alledem herauskommt, kann man sich an drei Fingern abzählen. Die Vielfalt des Unternehmertums wird deutlich sinken. Die wirtschaftliche Entwicklung, die auf diese Vielfalt an Ideen und Strategien angewiesen ist, wird dem Sicherheitsbedürfnis geopfert. Doch sicher ist damit nur eines: der volkswirtschaftliche Rückfall!

Die naive Komplexitätsreduzierung, bestehend aus ein paar Buchstaben, die mit + und - verziert werden, haben die Banken durch die zunehmende Vernachlässigung ihres Kerngeschäfts provoziert. Das schadet letztendlich unserer Gesellschaft erheblich. Profitieren können vom Ratingwahn nur die drei marktführenden Agenturen S&P, Moody?s und Fitch, die gemeinsam bereits 95 Prozent des Ratingmarktes kontrollieren, S&P allein 42 Prozent.

Um so viel Einfluss in den Chefetagen deutscher Unternehmen kann die Agenturen jeder Aufsichtsrat nur beneiden. Wer aber akzeptiert, dass Wettbewerb der bessere Garant für den Wohlstand ist als eine Zentrallenkung, der muss bei dieser Konstellation hellhörig werden. Wettbewerb ist ein Mittel, um gute Lösungen herauszufinden. Eine Organisation, die dieses Wissen faktisch vorwegnehmen will, ist fragwürdig. Und wer bewertet eigentlich die Ratingagenturen?

Eine Bonitätsprüfung muss individuell und dem Geldgeber vorbehalten sein. Andernfalls wird der Wettbewerb durch die alles und nichts sagenden "Zentralratings" ausgehöhlt. Die Banken wiederum sollten zu der verloren gegangenen spezifischen Kompetenz zurückkehren, die ihnen eine subjektive sach- und personengerechte Bonitätsprüfung ermöglicht, statt sich hinter scheinbar objektiven "A"s zu verstecken. Wie sollen unter diesen Bedingungen noch junge innovative Unternehmen entstehen, die das Risiko neuer Produkte und Verfahren eingehen und damit neue Arbeitsplätze schaffen?

Wenn der Sachverstand unserer Banken, gebündelt mit dem Vertrauen von Geldanlegern, Risikokapital nicht mehr bereitstellt, weil es dem Sicherheitsbedürfnis eines Ratingsystems nicht entspricht, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Zahl verantwortungsbereiter Selbstständiger ab- und stattdessen die der Berater zunimmt. Am Ende haben wir mehr Schiedsrichter als Stürmer. Die Kraft unserer Leistungsgesellschaft nimmt ab, die Bürokratie zu.

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