So seh ich es
Reine Vertrauenssache

Vom Wirtschaftswunder der fünfziger bis in die neunziger Jahre hinein ging es wirtschaftlich bergauf. In dieser Zeit brachten die Bürger im Allgemeinen den Politikern ein großes oder doch wenigstens ausreichendes Vertrauen entgegen. Oder war der Zusammenhang doch eher umgekehrt? In alten Zeiten der Bundesrepublik, als die Bürger ihren gewählten Vertretern noch ausreichend Vertrauen entgegenbrachten, ging es uns auch wirtschaftlich gut.

Beides gilt, so altmodisch es sich für manchen anhören mag. Zwischen Vertrauen und einer guten Politik herrscht ein enger und starker Zusammenhang. Keine treuhänderische Beziehung - und um eine solche handelt es sich zwischen Bürgern und ihren Parlamentariern - kommt ohne ein hohes Maß an Vertrauen aus. Vertrauen kann leider nicht aus dem Hut gezaubert werden. Es muss schwer erarbeitet und kann leicht verspielt werden.

Dennoch: Wir sollten uns vor der wichtigen Bundestagswahl am nächsten Sonntag noch einmal vergegenwärtigen, dass unser Gesellschaftssystem aus gutem Grund kein basisdemokratisches ist. Jede wichtige Frage per Referendum vom souveränen Volk entscheiden zu lassen wäre selbstverständlich nicht nur organisatorisch ein Ding der Unmöglichkeit. In einer großen und derart komplexen Gesellschaft wären die Bürger in ihrer Urteilsfähigkeit auch schlichtweg überfordert. Man mag in einzelnen Fragen gelegentlich ausreichende Sachkenntnis besitzen, um zur Wahl stehende Alternativlösungen einigermaßen vernünftig gegeneinander abzuwägen. Der Vielfalt aller notwendigen Entscheidungen und ihrer Beeinflussung untereinander wird man hingegen niemals gerecht werden können. Man muss sie wohl oder übel in die Verantwortung einer repräsentativen Regierung legen, die sich hierfür zudem einer sachverständigen Bürokratie bedient.

Das kann der Wähler freilich nur dann ruhigen Gewissens tun, wenn er die Bewältigung der schwierigen Aufgaben wenigstens einer der zur Wahl stehenden Persönlichkeiten und Parteien zutraut. Somit ist die Wahl zur politischen Führung mehr als die Vergabe eines Verwaltungsamtes. Sie ist der Auftrag zu einer Gestaltung, die seriöserweise im Detail gar nicht prognostizierbar ist. Eine gute Politik muss jederzeit alle Gestaltungsspielräume nutzen, um sich zum Wohl der Gesellschaft an gegebene Notwendigkeiten bestmöglich anzupassen. Das erfordert Vertrauen und natürlich Verantwortung. Wie schwer sich die deutschen Wähler aber mittlerweile mit dem notwendigen Vertrauensvorschuss tun, zeigt allein schon die Tatsache, dass rund ein Viertel der Wahlberechtigten eine Woche vor dem Wahltermin noch unentschlossen ist.

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