So seh ich es
Rote Karte für die Spielverderber

Worüber die Fußballwelt zurzeit so erbittert streitet, ist nichts anderes als ein Spiegel unserer großen politischen Debatten. So mancher hofft auf einen kurzfristigen Konjunkturschub, der in diesem Jahr aus einem "Wunder von Berlin" erwachsen soll.

DÜSSELDORF. Wer sich einen Eindruck davon machen will, worum es in den gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland geht, braucht nur einen Blick auf die Fußballwelt zu werfen. Dort spiegeln die Diskussionen über Führungs- und Spielerqualitäten, verkrustete Verbandsstrukturen, die Aufholjagd der armen Länder, Multikulti im Vereinsleben, Nachwuchsförderung, Rücknahme der Vereinsinteressen zum Wohle der Nationalmannschaft, Teamgeist, Umgang mit Spitzengehältern und der Streit um Ämter all die Probleme wider, die wir zurzeit im politischen Raum diskutieren. Auch hofft so mancher auf einen kurzfristigen Konjunkturschub, der in diesem Jahr aus einem "Wunder von Berlin" erwachsen soll.

Deutschland befindet sich somit in einer kritischen Phase der Identitätsfindung. Was fehlt, sind klare Vorstellungen über die Stärken und Schwächen unseres Gesellschaftssystems - über das, was sich zu retten lohnt, und das, was unweigerlich der Vergangenheit angehört. Ob zum Beispiel der Wohlfahrtsstaat, mit dem sich in der Vergangenheit die Deutschen und alle relevanten Parteien identifiziert haben, noch eine Zukunft hat, ist heute mehr als ungewiss geworden. Und auch das Bild einer leistungsstarken deutschen Wirtschaft erfuhr in den letzten Jahren immer wieder deutliche Risse. Hinzu kamen schmerzliche Rügen für unsere einst so eiserne Finanzpolitik. Doch damit nicht genug. Selbst in der Bildungspolitik und der Forschungspolitik, auf die die Deutschen immer so stolz waren, wurden etwa durch Pisa und andere Studien erhebliche Schwachpunkte offen gelegt.

Folgen für unsere nationale Identität und unser Selbstvertrauen blieben da nicht aus. Zum einen überfrachten wir uns mittlerweile gerne mit Selbstkritik und ziehen mit gebeugtem Haupt durch die Straßen. Zum anderen beteuern wir als Gegenreaktion, wie gut wir immer noch im Vergleich zu vielen anderen Staaten sind.

Beide Haltungen sind für eine echte Reform unseres Gesellschaftssystems aber kontraproduktiv. Die nämlich braucht keine Selbstüberschätzung, sondern Selbstbewusstsein. Wir sollten wissen, wo wir stehen, damit wir sehen, in welche Richtung wir gehen müssen.

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