So seh ich es
Stillstand kommt vor dem Fall

Besitzstandswahrung dominiert unser gesamtes Denken. Über Innovationsmüdigkeit brauchen wir uns deshalb auch nicht zu wundern.

Eine der großen Herausforderungen der Gegenwart ist die Gentechnologie. Für den ärmeren Teil der Menschheit, der auf Grund seines Bevölkerungswachstums und der schwierigen klimatischen Bedingungen nach wie vor um die rudimentäre Versorgung kämpft, ist die Gentechnologie in der Landwirtschaft ein ähnlicher Hoffnungsschimmer wie für die reichen Länder in der Bekämpfung schwerer Krankheiten. Bevor die Menschen in den ärmsten Regionen der Welt nämlich an Krebs erkranken können, sind sie schon längst an Unterernährung gestorben. Das Interesse an Pflanzen, die mit weniger Wasser und Pestiziden auskommen, ist daher ethisch wie wirtschaftlich gerechtfertigt.

Ein Rechtsstaat birgt jedoch die Gefahr, dass er im Laufe der Jahre immer umfangreichere und ausgeklügeltere Gesetzestexte entwirft. Deutschland ist in diese Falle gelaufen. Für die wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft ist Rechtssicherheit zwar unverzichtbar. Doch was zunächst die Unternehmeraktivität beflügelt hat, indem durch die eindeutige Regelung von Eigentums- und Handlungsrechten gewisse Risiken kalkulierbarer werden, bremst diese bei Übertreibung mittlerweile aus.

Die Mutationsrate, also die Anzahl und Geschwindigkeit von Innovationsversuchen, wird heruntergesteuert. Dahinter verbirgt sich meist die Absicht, den Status quo nicht zu gefährden. Die Gesellschaft hat sich von einer aufbrechenden über eine gesättigte hin zu einer gewandelt, die das Erreichte nur noch konservieren möchte. Zu diesem Zweck werden die Handlungsfreiräume immer mehr eingeengt, und man verliert sich zunehmend in endlosen Rechtsstreitigkeiten. Deutschlands Richter sind überlastet, obwohl ihre Anzahl pro Kopf der Bevölkerung mittlerweile sechsmal so hoch ist wie in Großbritannien.

Der Wunsch, im ausgewogenen und gerechten Endzustand zu leben, in dem der konservierte Wohlstand herrscht, erinnert an die Amish People, die mitten im hoch kapitalistischen Amerika isoliert wie unter einer Glasglocke ihr Utopia ausleben. Wer als Freund des Natürlichen diese altertümlichen Siedlungen besucht, der mag verzückt sein - eine Art historisches Disneyland für Ökos.

Doch die allermeisten Bürger der westlichen Welt haben andere Lebensentwürfe und sehen es als eindeutigen Fortschritt an, sich ein wenig von den Grenzen und Launen der Natur unabhängig gemacht zu haben. Die rund zehntausend Jahre alte Geschichte der Agrarwirtschaft ist eine Geschichte von Verbesserungsversuchen, die im Wesentlichen die Überlistung der Natur zum Ziel hatten. Sie ist aber von Beginn an auch die Geschichte von Auseinandersetzungen um Nutzungsrechte gewesen. Wer eine neue Pflanze anbaute oder mit neuen Methoden arbeitete, ging unweigerlich stets auch Risiken ein, die nicht von allen geduldet wurden.

Sind wir jetzt, im dritten Jahrtausend, etwa am Ende unserer Entwicklungsmöglichkeiten, gar am Ende der historischen Zeit angekommen, wo wir kein Risiko mehr einzugehen brauchen?

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