So seh ich es
Vertrauen in das Notwendige

In dieser Zeit, die von zunehmenden Ängsten, Kontrollen, Gefahrenabwehr, Sicherheitsnachweisen und Rationalisierung gezeichnet ist, erscheint der Begriff Vertrauen wie aus einer anderen Welt. Die ungeheuere Dynamik der Globalisierung, die Schnelllebigkeit unseres Alltags, die leichtlippigen Versprechungen und die Verflüchtigung persönlicher Verantwortung in unzähligen Lebensbereichen haben das Wort Vertrauen schon beinahe mit einem ironischen Unterton belegt. Vertrauen scheint in eine unwirkliche, romantische Welt von gestern zu gehören. Heutzutage will man knallharte Nachweise nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Es kann daher niemanden verwundern, dass auch kein ausreichendes Vertrauen mehr in unser Gesellschaftssystem, die Soziale Marktwirtschaft, gesetzt wird. Erst die tatsächliche Verbesserung der Arbeitslosenzahlen und der Wachstumsquote bringt nach Ansicht vieler Bürger den geforderten Nachweis für alle Verheißungen. Nach einer Umfrage des Bundesverbandes deutscher Banken sind nur noch 51 Prozent der Deutschen der Auffassung, die Soziale Marktwirtschaft habe sich bislang bewährt. Im Osten der Republik glaube sogar schon ein größerer Teil an das Versagen als an die Bewährung unseres einst so gefeierten Systems, das Deutschland unter der Regie von Ludwig Erhard aus dem Untergang zu Wohlstand und Fortschritt geführt hat. 2001 waren noch 76 Prozent anderer Ansicht. Seither ist dieses Vertrauen stetig gesunken.

Fast gleichzeitig begannen die Bürger, die Arbeit der Bundesregierung zunehmend negativ zu beurteilen. Und das ist natürlich kein Zufall. Es gibt kein System, auch nicht das demokratisch-kapitalistische, welches ohne politische Führung auskommt. Und Führung - gleichgültig in welchem Bereich - ist auf Vertrauen angewiesen.

Ohne eine vertrauenswürdige Figur wie Ludwig Erhard wäre auch die Soziale Marktwirtschaft nicht in Schwung gekommen. Erhard war sich stets im Klaren über die Bedeutung von Vertrauen. Dazu gehörte auch, nur solche Erwartungen zu wecken, die man erfüllen kann, und ebenso klare und stabile Anreize zu geben, auf die sich die Bürger langfristig einstellen können. Führung in der Demokratie bedeutet nämlich nicht Gängelung, sondern die Erwiderung des Vertrauens im Sinne der Überzeugung, dass auch die Bürger die überlassenen Freiräume vernünftig und verantwortungsvoll nutzen.

Vor diesem Hintergrund kommt die Vertrauensfrage von Bundeskanzler Schröder im richtigen Moment. Sein Statement direkt nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen kam für uns alle überraschend. Der politische Instinkt, für den der Kanzler ja bekannt ist, hat ihn dennoch auf diesen unerwarteten, aber richtigen Weg geführt.

Seite 1:

Vertrauen in das Notwendige

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%