So seh ich es
Was uns die Unterschichten-Debatte lehrt

Obwohl in den letzten zwölf Monaten die Arbeitslosenzahl um mehr als 400 000 gesunken ist, hat das fast keinerlei Auswirkungen auf die Zahl der Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger gehabt. Hier besteht Handlungsbedarf: Eine Gesellschaft kann es sich nicht erlauben, Menschen einfach abzuschreiben und in die Hoffnungslosigkeit fallen zu lassen.

Seit der SPD-Vorsitzende Kurt Beck eine Datenerhebung im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung gelesen hat und daraufhin vom Problem der "Unterschicht" sprach, läuft eine hitzige Diskussion über Armut in Deutschland. Die Sozialstudie vermied vermutlich in weiser Voraussicht das Wort Unterschicht und sprach vom "abgehängten Prekariat".

Doch gleichgültig, unter welchem Titel Menschen mit einem sehr geringen Einkommen, die zumeist auch auf Sozialtransfers angewiesen sind, auch gefasst werden - sie stellen offenbar auch in Zeiten konjunkturellen Aufschwungs ein echtes Problem dar. Obwohl in den letzten zwölf Monaten die Arbeitslosenzahl um mehr als 400 000 gesunken ist, hat das beispielsweise fast keinerlei Auswirkungen auf die Zahl der Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger gehabt. Es kann daher nicht überraschen, dass sich laut der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung der typische Geringverdiener oder Empfänger von Arbeitslosengeld II abgehängt und von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlt.

Dieser Befund ist nicht neu. Doch erstaunlich und erschreckend ist, wie sehr sich die Betroffenen zugleich mit ihrem vermeintlichen Schicksal abfinden. Viele scheinen der Erhebung zufolge nicht genügend Ehrgeiz zu besitzen, um alles Mögliche für einen sozialen Aufstieg zu unternehmen. Der Autor der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte sich jedenfalls entsetzt über das Ausmaß der Resignation innerhalb der so genannten Unterschicht. Man fühle sich als Verlierer im gesellschaftlichen Abseits und hätte auch für seine Kinder keine Hoffnung mehr.

Diese von Teilen der Gesellschaft gelebte Hoffnungslosigkeit scheint mir die eigentliche Katastrophe zu sein, die die Studie offen legt. Wenn wir bereits ganze Bevölkerungsschichten alimentieren, die ihren Kindern einen Fatalismus vorleben, der keinen Platz für den Traum vom sozialen Aufstieg lässt, dann müssen wir uns auch nicht mehr über lernunwillige Hauptschüler wundern, die dann verständlicherweise keinen Sinn darin sehen, die Schule mit vernünftigen Noten zu verlassen. Unsere Gesellschaft hat sich heimlich, still und leise mit diesem Tatbestand arrangiert. Und viele der Betroffenen haben sich ebenfalls in dieser Existenz, die die Gesellschaft ihnen gewährt, eingerichtet.

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