So seh ich es: Wehrlos in den Niedergang

So seh ich es
Wehrlos in den Niedergang

Warum hat es Deutschland im 20. Jahrhundert zu einem der wohlhabendsten Staaten auf der Erde gebracht? Weil wir in einigen Schlüsselindustrien einen wissenschaftlich gestützten Vorsprung in der Beherrschung grundlegender Technologien hatten. Keine Nation, nicht einmal die USA, baute etwa technisch anspruchsvollere Autos als wir. Keine galt in der Kernenergie als kompetenter.

Die pharmazeutische Industrie versorgte die ganze Welt mit neuen, wichtigen Medikamenten. Und ganz allgemein war im Anlagenbau die deutsche Ingenieurkunst international unschlagbar. Auf Grund des teilweise deutlichen Kompetenzvorsprungs stellte sich in diesen und anderen innovativen Branchen auch nicht die Frage, irgendwo anders als in Deutschland zu entwickeln und zu produzieren.

Konkurrieren konnten hier Länder, deren Lohn- und Lebenshaltungskosten erheblich niedriger waren, frühestens dann, wenn sie einen systematischen Wissenstransfer organisierten und in einem langjährigen, aber effizienten Lernprozess die notwendigen Fertigkeiten auf eine breite Bevölkerungsbasis stellten.

Am eindrucksvollsten vollzog diesen Prozess nachholender Entwicklung wohl Japan. Aber auch die so genannten Tigerstaaten Taiwan, Südkorea, Singapur und Hongkong bedienten sich einer ähnlich erfolgreichen Strategie. In den zentralen Bereichen wurde Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit jedoch keinesfalls existenziell bedroht. Obwohl die aufholenden Staaten den Abstand zu Deutschland und anderen führenden Industrienationen innerhalb einer recht geringen Zeitspanne zum Teil gewaltig verkürzen konnten, gelang es ihnen noch nicht, die Pionierrolle zu übernehmen. Die Schöpfung von Basisinnovation stellt offenbar noch einmal andere Herausforderungen an die Protagonisten als ihre Übernahme.

Während Asiaten - möglicherweise auf Grund ihrer kulturellen Merkmale - seither eine hervorragende Eignung gerade für die perfekte Absorbierung und Weiterentwicklung von Technologien bewiesen haben, tat sich ihr dort erprobtes Entwicklungssystem in der Generierung neuer Basisinnovationen bislang schwer. Die westliche Welt besitzt hier vielleicht einen althergebrachten Vorteil in der Produktion neuen Wissens, der in der Tradition der welthistorisch einzigartigen griechischen Antike, der Geburtsstätte der modernen Wissenschaft, verborgen liegt. Deutschland hat sich lange Zeit als würdiger Erbträger dieser Tradition bewiesen. Doch nun bedroht das Beharrungsvermögen der deutschen Gesellschaft diese Bastion und mit ihr den Schlüssel zum Wohlstand.

Asiatische Konkurrenten wie China geben sich offenbar nicht mehr mit der reinen Aufholjagd zufrieden. Anstatt sich - wie die asiatischen Schwellenländer des letzten Jahrhunderts - auf die Übernahme innovationsintensiverer Industrien westlicher Industrieländer zu konzentrieren, streben sie gleich ein Überholmanöver an. So entstanden etwa in China seit 2001 unter Einsatz von milliardenschweren Förderprogrammen 250 privat finanzierte Biotech-Firmen. Schanghai stellt bereits ein High-Tech-Cluster dar, in dem sich auch hochkarätige Forschungsinstitute und viele gut ausgebildete Wissenschaftler befinden. Das zieht Unternehmer der Branche aus aller Welt an. Unter ihnen sind auch deutsche Firmen, die dort nicht nur größere Handlungsfreiheiten genießen, sondern auch geringere Ausgaben für das wissenschaftliche Personal, das im Durchschnitt nicht einmal ein Drittel kostet.

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