So seh ich es
Weltmeister im Export – von Arbeitsplätzen

Trotz der Hinweise, dass durch das Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze die Statistiken mehr Arbeitslose ausweisen werden als bisher, traf uns das Überschreiten der Fünf-Millionen-Schallmauer doch ziemlich heftig. "Nicht aufregen!" sagen die einen, "die Statistik und das Wetter tragen die Schuld". Und: "Über was soll ich mich eigentlich noch aufregen, wenn die Tatsache, dass fünf Millionen Arbeitsfähige keinen Job haben, kein Grund zur Aufregung ist?" fragen die anderen.

Das Entscheidende ist: Gleichgültig mit welcher statistischen Methode Arbeitslosigkeit erfasst wird, solange die Wachstumsraten unter zwei Prozent liegen - und mehr verspricht uns für die nächsten Jahre niemand - , steigt auch die Beschäftigung in Deutschland nicht. Alle anderen Prophezeiungen entlarven sich als ein Sieg der Hoffnung über die Erfahrung. So ist es auch mit der Hoffnung, die sich aus den Rekordmeldungen über die Entwicklung der deutschen Exporte speist.

Die stetig gewachsenen Exporte und insbesondere der seit dem Jahr 2001 stark gestiegene Außenhandelsüberschuss werden immer wieder gern als Zeichen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bemüht. Gerade in jüngster Vergangenheit feierten manche Politiker wie auch manche Journalisten den Titel des Exportweltmeisters wie einen Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft. Doch hier führt die einfache Analogie des Fußballs zu den falschen Schlüssen: Der Standort Deutschland ist durch den Anstieg des Warenexports um zehn Prozent auf den historischen Höchststand von 771 Milliarden Euro nicht besser geworden. Auch die weiter wachsenden Exportüberschüsse werden über kurz oder lang die inländische Nachfrage nach Investitionen nicht wie erhofft erhöhen und damit auch den Arbeitsmarkt nicht entlasten. Woran liegt das?

Hans Werner Sinn verdanken wir den Begriff der Basarökonomie. Danach wird ein immer größerer Anteil der Wertschöpfung deutscher Produkte - etwa in der Automobilindustrie - ins Ausland verlagert, ohne dass sich dies negativ in der Exportstatistik niederschlägt. Das heißt: Die aus Deutschland exportierten Produkte gehen zum vollen Verkaufspreis in die Außenhandelsstatistik ein, obwohl sie zu einem unter Umständen hohen Anteil aus im Ausland gefertigten Vorprodukten bestehen. Das erhöht die Exportzahlen und verringert dennoch die Anzahl der Arbeitsplätze in so genannten reifen Industrien. Auf dem Arbeitsmarkt kann diese Entwicklung nur aufgefangen werden, wenn neue innovative Branchen nachwachsen.

Das aber ist nicht in ausreichendem Maß der Fall. Die aktuelle Situation in Deutschland scheint stattdessen in vielen Bereichen für immer geringer werdende Teile der Wertschöpfungskette noch attraktiv. Sie lebt zunehmend von einer Preismixtur günstiger Vorprodukte ohne beschäftigungsintensive inländische Wertschöpfung. Der Anteil der Wertschöpfung, der bisweilen noch in Deutschland verbleibt, ist der arbeitsextensive und liefert daher nur relativ wenige Arbeitsplätze.

Wie viele Untersuchungen zeigen, kann man zudem feststellen, dass jene Bereiche, in denen Deutschland konkurrenzlos gut ist, dem Exportwachstum entgegenlaufen. Sie sind durchaus noch existent, aber sie haben mittlerweile vor allem im Bereich der Hochtechnologien und der internationalen Dienstleistungen einen zu geringen Anteil an der deutschen Wirtschaft. Und daran ändert auch der Titel Exportweltmeister nichts.

Der isolierte Blick auf die Exportstatistik kann also ein falsches Bild von der aktuellen Wettbewerbsfähigkeit liefern. Die entscheidende Frage, die die Wettbewerbsfähigkeit der Zukunft angeht, ist aber, in welchem Land die Investoren zukünftig ihr Geld anlegen?

Und da finden wir erneut ein deutliches Warnzeichen. Deutschland erlitt laut Schätzungen der Uno-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) im vergangenen Jahr als einziges großes Industrieland einen Rückgang der Direktinvestitionen um 49 Milliarden Dollar. Das heißt, die Investoren setzen stärker auf den Erfolg anderer Volkswirtschaften.

Im Bereich der Privatwirtschaft würde man nach dieser Diagnose Deutschland eher der Gruppe der so genannten "Earn-out"-Kandidaten zuordnen. Das sind Unternehmen, deren Produkte gegenwärtig im Markt noch gut zu verkaufen sind, so dass man die Gewinne gerne mitnimmt. Langfristig aber plant man schon, die gleichen Produkte an neuen, preisgünstigeren Standorten herzustellen, oder rechnet damit, dass die Produkte von neuen, innovativeren Lösungen verdrängt werden.

Deutschland ist also auf die Wettbewerbsfähigkeit im Bereich von Zukunftstechnologien angewiesen. Und obwohl wir gerade ein Jahr hinter uns haben, das von der Regierung zum Jahr der Innovationen ausgerufen wurde, hat es niemand gemerkt. Die Erhöhung der Forschungs- und Bildungsinvestitionen blieb wegen ihrer Verquickung mit den Ergebnissen der Föderalismuskommission - die bekanntlich erfolglos auseinander lief- hängen. Den großen Worten von den neuen Eliteuniversitäten folgen keine Taten.

Und wer die neuen Vorschriften aus dem Hause Trittin zur grünen Gentechnik verfolgt, der weiß, dass die deutsche Hochtechnologie wieder eine Schlacht verloren hat. Da wandern nicht Arbeitsplätze in Niedriglohnländer ab, sondern hohe Investitionen in wissenschaftliche Arbeitsplätze gehen an unsere Konkurrenten auf den Weltmärkten. Man sieht: gute Vorsätze, aber keine Taten. Doch wie heißt ein altes deutsches Sprichwort: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

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