So seh ich es Wir brauchen moderne Gewerkschaften

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Doch es ist nicht nur die reine Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften, die hier zu nennen ist. Auch die neue Flexibilität der Gewerkschaften ist in diesem Zusammenhang zu loben. Die Flächentarifverträge wurden stärker aufgebrochen, indem es Betrieben leichter möglich gemacht wird, im Bedarfsfall eigene Sondertarife auszuhandeln. Die Forderung nach einer stärkeren Öffnung, die die individuelle Lage eines Betriebs berücksichtigt, ist nicht neu. Doch jetzt haben die Gewerkschaften erstmals gezeigt, dass sie nicht mehr um jeden Preis nach zentralen Lösungen suchen, sondern sich im Einzelfall durchaus auch pragmatisch zeigen.

Ebenfalls ökonomisch vernünftig ist der verstärkte Einsatz von Einmalzahlungen, Gewinnbeteiligungen und Sonderzahlungen. So wurde beispielsweise in den Tarifverhandlungen der Stahlindustrie mit Hilfe von Einmalzahlungen der Tatsache Rechnung getragen, dass sich die Branche momentan einer außerordentlich guten Konjunktur erfreut. Es gibt allerdings keinen Grund zu der Annahme, dass diese Situation ewig anhält. Mit einer Einmalzahlung können die Arbeitnehmer so von der guten Auftragslage der Branche profitieren, ohne dass daraus Standards abgeleitet werden, die in schlechteren Zeiten nicht mehr rückgängig zu machen sind.

Noch direkter wurde der Unternehmenserfolg mit dem Lohn der Arbeitnehmer verknüpft, indem man sich auf Gewinnbeteiligungsprämien statt ausschließlich auf Lohnerhöhungen einigte. Dies ist etwa im Bankgewerbe geschehen, wo immerhin das 13. Monatsgehalt in schlechten Zeiten um zehn Prozent gekürzt wurde, dafür aber in guten Zeiten bis zu 20 Prozent aufgestockt werden kann.

Das alles sind richtige und Erfolg versprechende Ansätze für eine moderne Gewerkschaftspolitik. Sie würdigen die Leistungen der Arbeitnehmer und erhöhen gleichzeitig die Möglichkeiten der Arbeitgeber zur Beschäftigung.

Doch Vorsicht bleibt geboten. Gerade vor dem Hintergrund der Ängste vieler Verbraucher vor Preissteigerungen, die etwa durch die anstehende Mehrwertsteuererhöhung geschürt werden, besteht die Gefahr, dass die Gewerkschaften nach Jahren der Zurückhaltung fordern, die Arbeitnehmer nun wieder am Aufschwung stärker finanziell zu beteiligen.

Das aber wäre schon wieder das Ende des augenblicklichen Abbaus der Arbeitslosigkeit. Um sie wirksam zu bekämpfen, brauchen wir moderne Gewerkschaften, die jetzt in den eigenen Reihen für die von ihr praktizierte Strategie werben. Sie dürfen nicht angesichts der guten Konjunkturdaten in Verhaltensreflexe von gestern zurückfallen.

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