So seh ich es
Wir brauchen moderne Gewerkschaften

Bei der Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit waren die Ergebnisse der Tarifverhandlungen lange Zeit äußerst kontraproduktiv. Doch relativ unbemerkt hat sich hier nun seit einiger Zeit etliches verändert. Tarifpolitik heißt heute, die Leistungen der Arbeitnehmer zu würdigen und gleichzeitig die Arbeitsplätze sicher zu machen.

In den letzten Jahren mussten sich die Gewerkschaften einiges an Kritik gefallen lassen. Etwa die vielen Unmutsäußerungen über die allzu starren Flächentarifverträge. Oder über die zu hohen Lohnabschlüsse. Gerade diese erzeugten ja den enormen Rationalisierungsdruck und hatten auf diese Weise einen nicht zu unterschätzenden Anteil am steten Arbeitsplatzabbau. Die Unternehmen mussten auf die überhöhten Lohnstückkosten mit einer Steigerung des Rationalisierungstempos reagieren. So wurden immer mehr Maschinen genau dort eingesetzt, wo vorher noch Menschen mit moderateren Löhnen ihr Auskommen fanden. Und es erhöhte sich der Anreiz, Teile der Fertigung in Länder zu verlegen, in denen für vergleichbare Leistungen deutlich geringere Löhne gezahlt werden mussten.

Bei der Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit waren die Ergebnisse der Tarifverhandlungen also lange Zeit äußerst kontraproduktiv. Das ist ja geradezu die stete Paradoxie in der Vergangenheit gewesen, dass genau die Schwächsten der Schutzbefohlenen unter der verfehlten Strategie der Gewerkschaften zu leiden hatten.

Doch relativ unbemerkt hat sich hier nun seit einiger Zeit etliches verändert. Man sollte deshalb auch so fair sein und die Kritik an den Gewerkschaften anhand der realen tarifpolitischen Entwicklungen der letzten zwei Jahre überprüfen. Bei näherem Hinschauen ist nämlich nicht zu leugnen, dass sich - entgegen den weit verbreiteten Vorwürfen - die Gewerkschaften durchaus beweglicher verhalten haben, als dies ihr Ruf eigentlich belegt.

Zwar ist es nur zu verständlich, dass die Bundesregierung aus Anlass des einjährigen Jubiläums der großen Koalition die Senkung der Arbeitslosenquote unter die Zehn-Prozent-Marke gerne als ihren alleinigen Erfolg beanspruchen möchte. Doch es wäre nicht nur fair, sondern auch klug, den Beitrag der Gewerkschaften daran ebenso zu würdigen und die Verantwortlichen und Betroffenen auch weiterhin zu ermutigen, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Schließlich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Arbeitslosigkeit und den Lohnzurückhaltungen der letzten Jahre.

Beispielsweise sind angesichts der relativ geringen Lohnsteigerungen und der gleichzeitig gestiegenen Produktivität die Lohnstückkosten bei Deutschlands Automobilzulieferern seit dem Jahr 2000 um fast zehn Prozent gesunken. Damit gewinnt der Standort Deutschland gegenüber Osteuropa wieder ein Stück an Wettbewerbsfähigkeit.

Sicherlich, dort sind die Löhne auf lange Zeit immer noch deutlich niedriger. Doch etwa in Tschechien und der Slowakei steigen sie bereits deutlich an. Zudem ist der Krankenstand dort spürbar höher. Und die Suche nach geeigneten Arbeitskräften gestaltet sich zunehmend schwieriger. Insgesamt basiert die gute konjunkturelle Entwicklung im laufenden Jahr also nicht zuletzt auf der lobenswerten Lohnzurückhaltung. Als Folge davon waren bereits im August dieses Jahres 258 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mehr zu verzeichnen als im selben Monat des Vorjahres.

Seite 1:

Wir brauchen moderne Gewerkschaften

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%