So seh' ich es
Wohin des Wegs, Herr Müntefering?

Unser demokratisches System wird nicht durch den Kapitalismus, sondern durch die politische Intransparenz bedroht.

Lieber Herr Müntefering,

Sie haben schwungvoll eine grundsätzliche Debatte über die Funktion unseres Wirtschaftssystems eröffnet. Eine große Zahl von Menschen stimmt Ihren kritischen Äußerungen gefühlsmäßig zu. Und im Hinblick auf die ungeheuere Dynamik der Veränderung ist diese häufig durch Zukunftsangst hervorgerufene Zustimmung durchaus verständlich.

Die Tatsache, dass nun ein großer Teil der Bevölkerung in dieser Sache erwartungsvoll hinter Ihnen zu stehen scheint, überträgt Ihnen aber auch eine ebenso große Verantwortung für das, was Sie versprechen und möglicherweise tun wollen. Damit Sie nicht genauso leichtfertig mit dieser Verantwortung umgehen wie angeblich diejenigen, denen Sie dies derzeit vorwerfen, sollten Sie Ihre Strategie genau überprüfen. Da ich, wie Sie wissen, beide Seiten, also die Politik und die Wirtschaft, kenne, habe ich mir ein paar Gedanken darüber gemacht, was wohl eine wirtschaftliche Analyse Ihrer politischen Aussagen ergeben würde.

Zu Recht rügen Sie die Kurzsichtigkeit mancher Unternehmen, die mit ihren Quartalsabschlüssen den wirtschaftlichen Erfolg der nächsten drei Kalendermonate wichtiger nehmen als langfristige Stabilität und einen nachhaltigen Erfolg ihres Unternehmens. Doch sosehr ich Ihnen da in einzelnen Fällen zustimmen muss, so unverständlich ist es für mich, dass Ihre politische Strategie genau denselben Prinzipien folgt, gegen die Sie hier zu Felde ziehen.

Sie geben für ein kurzfristiges Wahlziel in Nordrhein-Westfalen das gesamte, langfristig angelegte politische Konzept der Regierungskoalition auf. Und dafür nehmen Sie eine nachhaltige Beschädigung der Glaubwürdigkeit der SPD-geführten Bundesregierung und des ohnehin mager gewordenen allgemeinen Vertrauens in die Politik in Kauf. Sie tauschen den kurzfristigen Erfolg gegen die langfristige Funktionstüchtigkeit ein. Und damit machen Sie in der Politik genau das, was Sie an der Wirtschaft kritisieren.

Ein zweiter Vergleich: Sie klagen über die Finanzinvestoren, die große Unternehmen kaufen und diese nach inhaltlichen Kriterien zerteilen, um einen Kursgewinn zu erzielen. Wie überall gibt es da neben guten Beispielen auch schlechte. Das ist wahr. Nach übereinstimmender Meinung ist es für die Einschätzung durch die Aktionäre aber wichtig zu wissen, welche Produkte und Verfahren den wesentlichen Unternehmensinhalt darstellen. Nur so kann ein Aktionär eine vernünftige Investitionsentscheidung treffen und gleichzeitig Wirtschaftlichkeit belohnen.

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