So seh ich es
Wunsch und Wirklichkeit

Zwei große Tageszeitungen hatte ich mir letzte Woche während eines Flugs in die USA gegriffen, um nachzulesen, welche Themen im Moment den amerikanischen Wahlkampf beherrschen. Ich war überrascht, eine große Zeitung titelte: "Bush setzt Ideologie über Wissenschaft" und die andere: "Kerrys wissenschaftlicher Aufbruch". Der aktuelle Wahlkampf dreht sich um die Stärkung von Wissenschaft und Forschung und das Ziel, mit den besten Wissenschaftlern und den modernsten Forschungseinrichtungen Amerika noch schneller voranzubringen.

Trotz der Tatsache, dass der amtierende Präsident im Gegensatz zu seinem Herausforderer erhebliche Einschränkungen bei der Förderung embryonaler Stammzellenforschung verlangt, bemühte sich seine Mannschaft zu erklären, dass sich der Präsident im Bereich der neuen Hochtechnologie von niemand anderem übertreffen lassen werde.

Auf der Wirtschaftsseite kam sogleich ein umfassender Bericht über den Wettbewerb der amerikanischen Bundesstaaten im Bereich der Biotechnologie. Es wurde berichtet, dass die Bundesstaaten Kalifornien und Massachusetts mit Abstand am meisten Biotech-Firmen angesiedelt hätten. Von den rund 1500 Biotech-Firmen seien 420 in Kalifornien und 193 in Massachusetts beheimatet. Die kalifornische Industrie erwarte zudem, dass im nächsten Monat einer Initiative zur Bereitstellung von drei Milliarden Dollar öffentlicher Gelder für die Finanzierung embryonaler Stammzellenforschung zugestimmt werde. Und 40 amerikanische Bundesstaaten hätten die Biotechnologie zum wichtigsten Forschungsschwerpunkt erklärt. Unter ihnen auch solche, die dabei auf die embryonale Stammzellenforschung verzichten. In den USA ist eine unglaublich offene Debatte im Gange über die Frage, wie das Wissenschafts- und Forschungspotenzial im Wettbewerb der Bundesstaaten vorangebracht werden kann.

Am selben Tag habe ich auf dem Rückflug nach Deutschland dann nachlesen können, welche Diskussion innerhalb der Bundesregierung im Hinblick auf die grüne Gentechnik geführt wird. Dabei ist vor allem bemerkenswert, dass dieselbe Regierung, die sich unaufhörlich zu innovativen Technologien und zur Stärkung von Forschung und Entwicklung bekennt, im Fachressort von Frau Künast mit einem Wust bürokratischer Genehmigungsverfahren und Haftungsregeln wirkungsvoll eine Gegenbewegung aufbaut. So muss etwa ein Landwirt, der Genpflanzen anbaut, für jede Übertragung und Beeinträchtigung benachbarter konventioneller Anbauflächen haften. Bei einem Versuchsanbau in Sachsen-Anhalt müssen Bauern ihre Beteiligung geheim halten, weil ihre Pflanzen sonst von Gegnern der Gentechnik zerstört würden.

Die Vorsitzenden großer deutscher Unternehmen wie Bayer und BASF, die gewaltige Summen in die Erforschung der grünen Gentechnologie stecken, sind ratlos. Und auch der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst Ludwig Winnacker, warnt vor den Plänen der Verbraucherministerin. Sie könnten das Ende auf einem Gebiet markieren, auf dem Deutschland noch eine Spitzenstellung einnimmt.

Seite 1:

Wunsch und Wirklichkeit

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%