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So wertvoll wie noch nie

Platin hat Gold in Südafrika den Rang abgelaufen: Vom weißen Metall wird mehr exportiert als vom gelben. Die Aktien der Produzenten dürften davon profitieren.

Wer auf die Geschichte Südafrikas schaut, dem wird nicht entgehen, dass das 19. Jahrhundert von Diamanten und das 20. Jahrhundert von Gold geprägt wurde", sagt der Geologe Ian Robinson. "Doch vor allem das gelbe Metall hat viel von seinem Glanz verloren. Alles deutet nun darauf hin, dass die nächsten 100 Jahre im Zeichen von Platin stehen werden."

Wenn es neben den rasant gestiegenen Aktienkursen der Produzenten noch eines weiteren Beweises für diese Prognose bedurft hätte, wurde sie zu Jahresbeginn erbracht: Wie Studien führender Brokerhäuser am Kap belegen, haben Platin und sein Schwestermetall Palladium im letzten Jahr zum ersten Mal Gold als Hauptausfuhrgut Südafrikas überrundet. Während sich die Goldexporte auf insgesamt 25 Mrd. Rand (sieben Mrd. DM) beliefen, summierten sich die Ausfuhren von Metallen der Platingruppe auf über 30 Mrd. Rand (8,5 Mrd. DM). Im Gegensatz zum Goldpreis, der gegenwärtig mit 260 Dollar nahe seines 20-Jahrestiefs liegt, ist der Platinpreis trotz eines Rückschlags im letzten Monat mit 600 Dollar pro Unze noch immer mehr als doppelt so hoch.

Südafrika, das fast 80 Prozent allen Platins fördert, ist naturgemäß Nutznießer des jüngsten Booms. "Das Land ist ein einzigartiges geologisches Phänomen", schwärmt Robinson. "Nichts in der Welt ist mit seinem Bushveld-Komplex im Nordwesten vergleichbar, wo es die mit Abstand größten Platinvorkommen der Welt gibt." Hinzu kommt, dass Südafrika auch das technische Wissen hat, um diesen Schatz zuheben. Trotz dieses naturgegebenen Vorteils und der gegenwärtig geradezu gigantischen Profitspannen der Produzenten sind Anglo American Platinum (Angloplat) und sein Erzrivale Impala Platinum (Implats), die weltweit größten Förderer des weißen Metalls, nicht selbstzufrieden geworden. Beide arbeiten hart daran, die Kosten weiter zu senken und neben der Abbau- auch ihre Verarbeitungstechnologie zu modernisieren. Alle Platinproduzenten am Kap nutzen den Boom zudem dazu, ihre Kapazitäten kräftig auszubauen.

Dominiert wird die Platinindustrie eindeutig von Angloplat, das rund 60 Prozent des weißen Metalls kontrolliert und damit quasi eine Monopolstellung innehat. Um die neue Regierung am Kap versöhnlich zu stimmen, hat das Unternehmen zuletzt jedoch die Hälfte seiner Anteile an Northam, Südafrikas viertgrößtem Platinproduzenten, an eine von Schwarzen geführte Bergbaugruppe verkauft. Angloplat kann sich die Generösität leisten. Der große Vorteil des von ihm geförderten Rohstoffs liegt darin, dass Platin, anders als Gold, wegen seiner außergewöhnlichen Härte und hellen Farbe nicht nur in der Schmuckindustrie Verwendung findet, sondern auch einen hohen industriellen Nutzen hat. In der Autobranche wird Platin vor allem zur Herstellung von Katalysatoren verwendet. Angesichts der immer strikteren Umweltauflagen dürfte die Nachfrage hier hoch bleiben - auch weil viele Hersteller wegen des stark gestiegenen Palladiumpreises zuletzt wieder auf Platin umgeschwenkt sind. Als besonders viel versprechend könnte sich jedoch die Verwendung von Platin in Brennstoffzellen für Autos erweisen.

Nach der Einschätzung von Bergbauanalysten sind die Aussichten aus diesen Gründen günstig, dass der Platinboom anhalten wird; Rückschläge wollen die Banker zwar nicht ausschließen. Doch damit es zu einer Trendwende käme, so lautet die allgemeine Einschätzung, müsste sich die Weltwirtschaft schon dramatisch abkühlen. Ein erstes Warnsignal findet sich allerdings in den Verlusten, die Implats und Angloplat im März verbuchten. Seit ihren Höchstständen im Februar haben beide Titel inzwischen rund 30 Prozent verloren. Südafrikas Platinspezialisten Rene Hochreiter vom Finanzdienstleister Barnard Jacobs Mellet und Greg Hunter von Deutsche Bank Securities in Johannesburg sind dennoch optimistisch. Sie glauben, dass beide Firmen bei einem für 2001 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun (Angloplat) und sechs (Implats) noch immer sehr niedrig bewertet sind und beide Aktienkurse das Potenzial haben, sich mittelfristig auf 600 bis 700 Rand zu verdoppeln. Begründet wird dies mit dem äußerst festen Platinmarkt und den nachlassenden Lieferungen Russlands, dem einzig echten Konkurrenten Südafrikas. Ein Einbruch wie andere Metalle ihn oft schon bei einer geringen Abkühlung der Weltwirtschaft verzeichnen, steht ihrer Meinung nach jedenfalls bei Platin nicht bevor. Gegen einen herben Rückschlag spreche auch, dass die Gewinnmargen der beiden führenden Firmen derart hoch seien, dass der Preis des Edelmetalls schon gewaltig absacken müsste, damit die Unternehmen darunter zu leiden hätten.

Die meisten Analysten empfehlen wegen des günstigen Umfelds, der niedrigen Bewertung und des hohen Gewinnwachstums je Aktie vor allem Qualitätstitel wie Angloplat und Implats. Wer das Risiko von Einzeltiteln scheut, kann auch auf Fonds zurückgreifen,wobei sich wegen der fehlenden reinen Platinfonds Edelmetallfonds anbieten. Neben Kostenstruktur und Fondsmanagement ist dabei auf die Gewichtung von Rohstoffen und Märkten zu achten.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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