Software-Konzern lässt sich in die Karten schauen
Microsoft hat Geld für Experimente

Microsoft hat erstmals Spartenergebnisse offengelegt. Das Ergebnis überrascht kaum: Die Cash-Maschine von Bill Gates heißt Windows. Hohe Verluste in anderen Sparten sind quasi Risikokapital.

tnt FRANKFURT/M. Der vom Microsoft-Chef Bill Gates vorgestellte tastenlose Tablet-PC ist nach Einschätzung von Experten nichts weiter als der nächste Versuchsballon, den der Technologie-Konzern steigen läßt - Verluste bereits einkalkuliert. Denn mit dem tragbaren Tastenlos-PC (siehe unten) wird Microsoft auf Jahre hinaus vermutlich genauso wenig Geld verdienen wie mit Unternehmenssoftware, Handysoftware, der Spielekosole X-Box oder dem Internetdienst MSN, der allein im abgelaufenen Quartal knapp 100 Mill. $ Verluste erwirtschaftet hat.

Doch Analysten und Investoren ist das weitgehend gleichgültig. Denn Microsoft ist einer der wenigen IT-Konzerne, die sich solche Experimente derzeit leisten können. Zwar haben Firmengründer Bill Gates und Vorstandschef Steve Ballmer allein in den Monaten Juni bis September dieses Jahres 830 Mill. $ in neuen Geschäftsfeldern versenkt. Im Vergleich zu den mehr als 4 Mrd. $ operativem Gewinn, die Windows sowie die Bürosoftware Office im selben Zeitraum eingespielt haben, gelten diese Ausgaben jedoch als Risikokapital zur Entwicklung neuer Märkte.

"Viele Menschen verstehen die Strategie von Bill Gates nicht richtig", sagt Panagiotis Spilopoulos, Branchenexperte der Schweizer Investmentbank Vontobel. Das Interesse von Microsoft richte sich vornehmlich auf Massenmärkte. "Beratungsintensive Softwareprodukte, die einen hohen Aufwand bei der Installation und Betrieb fordern, entsprechen wegen der im Vergleich zu Software wesentlich niedrigeren Margen im Beratungsgeschäft nicht dem Microsoft-Geschäftsmodell", glaubt der Analyst.

Ende vergangener Woche hat der weltgrößte Softwarekonzern in einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC zum ersten Mal Umsatz und Ergebnis der einzelnen Geschäftsbereiche aufgeschlüsselt: Demnach hat der Softwareriese allein mit der PC-Software Windows im vergangenen Quartal einen operativen Quartalsgewinn von 2,48 Mrd. $ bei einem Umsatz von 2,89 Mrd. $ erzielt. Das entspricht einer selbst innerhalb der Softwarebranche einmaligen Gewinnmarge von 85 %. Im Durchschnitt liegen die Margen im reinen Softwarelizenzgeschäft "zwischen 40 und 60 Prozent", schätzt Analyst Spiliopoulos. Wegen des Beratungs- und Dienstleistungsanteils sind aber Softwarehersteller wie SAP weit weniger profitabel als Microsoft.

Dass Microsoft im Spielemarkt auf jede verkaufte X-Box-Konsole 120 $ drauflegt, ist zwar nicht schön, doch angesichts von Cash-Reserven in Höhe von voraussichtlich 40 Mrd. $ zum Ende des Kalenderjahres nicht von entscheidendem Gewicht. Im Spielemarkt halten es Experten vielmehr für wahrscheinlich, dass Microsoft bereit ist, auch über einen langen Zeitraum Verluste hinzunehmen. Das erklärte Ziel von Bill Gates ist es, sich gegen die Konkurrenten Nintendo und Sony durchzusetzen und die Marktführerschaft zu erringen. Ebenfalls hohe Priorität genießt die Entwicklung von Software für Mobiltelefone und Taschencomputer.

Schwieriger gestaltet sich für Microsoft dagegen der Einstieg in das Internetgeschäft. In den USA konnte Microsoft MSN zwischenzeitlich zwar neun Millionen Kunden gewinnen und ist damit nach AOL die Nummer zwei im US-Markt. Doch in Europa tut sich Microsoft schwer. In jedem Land dominieren heimische Anbieter wie T-Online in Deutschland oder Wanadoo in Frankreich. Seit längerem sucht Microsoft daher eine Beteiligungs- oder Übernahmechance.

Auch im Markt für Unternehmenssoftware blieb nach der Übernahme der Unternehmen Great Plains und Navision der große Paukenschlag aus. "Hätte Microsoft eine große Übernahme gewollt, hätten sie es schon getan", glaubt ein Marktteilnehmer. Vieles deute darauf hin, dass Microsoft versuche, den Markt für Unternehmenssoftware nach dem bekannten Strickmuster anzugehen: "Masse, Marktmacht, Marge".

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