Softwarekonzern streicht Posten des Chief Operating Officer – Mit Belluzzo geht der dritte Mann an der Spitze
Microsoft strafft die Organisation

Microsoft-Chef Steve Ballmer verpasst dem Software-Giganten eine neue Organisationsstruktur: Die Chefs der Kernbereiche erhalten mehr Verantwortung - Ballmer will so auch die Kosten in den Griff bekommen.

NEW YORK/DÜSSELDORF. Bei Microsoft ist kein Platz mehr für einen dritten Spitzenmann hinter Konzernchef Steve Ballmer und Entwicklungschef Bill Gates: Den Posten des für das operative Geschäft zuständigen "President & Chief Operating Officer" wird es bei dem Softwarekonzern aus Redmond/Washington künftig nicht mehr geben. Richard Belluzzo, der die Position seit gut einem Jahr inne hat, wird sie zum 1. Mai räumen und das Unternehmen im September verlassen.

Statt eines einzelnen operativen Chefs sollen die Leiter der sieben Kernbereiche des Unternehmens mehr Macht erhalten. In einem Memo an die Mitarbeiter schreibt Ballmer, er wolle die Organisationsstruktur des Konzerns verändern, um "bessere und schnellere Entscheidungen" zu ermöglichen und "Unternehmertum in den Kerngeschäftsbereichen" zu fördern. Um das zu erreichen, sollen die Bereichschefs künftig die Verantwortung für ihre Budgets erhalten. Die Leistungen der Bereiche sollen so auch intern besser bewertet werden können. Bisher war es schwierig, Ausgaben für Marketing, Vertrieb sowie Forschung und Entwicklung genau aufzuspalten.

Ballmer arbeitet an einer besseren Kostenkontrolle, seit er im Januar 2000 den Chefposten von Bill Gates übernommen hat. So stellte er viele Projekte ein, die nicht unmittelbar mit der Internet-Initiative Dot-Net zu tun hatten, mit der Microsoft die aktuellen Produkte mit neuartigen Web-Services verbinden will. Die vertikale Struktur mit einem mächtigen Mann an der Spitze, der die Fäden zieht, solle "künftiges Wachstum sichern", sagte Belluzzo.

Marktbeobachter stellen seit geraumer Zeit die Wachstumsaussichten des Softwareriesen in Frage. "Microsoft steckt mitten in einem umfassenden Wandel seiner Geschäftsbereiche", sagt Christopher Shilakes von Merrill Lynch. In dieser Phase verliere das Management auch noch viel Zeit mit Rechtsstreitigkeiten.

Analysten weisen darauf hin, dass die neue Struktur eine Aufspaltung des Konzerns erleichtern würde. Diese hatte das Gericht im Kartellprozess gegen Microsoft im ersten Urteil angeordnet. Doch in zweiter Instanz wurde das Urteil wieder aufgehoben. Damit ist die Teilung vorerst vom Tisch - doch der Prozess läuft noch. Microsoft hob hervor, dass die Neuorganisation nichts mit dem Prozess zu tun habe.

Mit der Stärkung der Bereichsleiter hat Belluzzo an Bedeutung verloren - für einen Mann, dessen erklärtes Ziel es ist, "ein eigenes Unternehmen zu leiten", ist das nicht akzeptabel. Er gibt jedoch auch zu, dass er und Ballmer unterschiedliche Vorstellungen über die Führung eines Konzerns haben: "Steve und ich haben einen sehr unterschiedlichen Stil." Einen neuen Job habe er noch nicht - Analysten hatten spekuliert, der einstige Star im Management von Hewlett-Packard könnte Nachfolger von HP-Chefin Carleton Fiorina werden, falls die Fusion mit Compaq scheitert - doch danach sieht es nicht aus.

Ballmer hatte Belluzzo vor gut einem Jahr berufen, um sich im täglichen Geschäft zu entlasten und mehr auf die Strategie konzentrieren zu können. Ein Konzern mit inzwischen mehr als 50 000 Beschäftigten und einem Produktangebot vom Betriebssystem Windows über die Spielekonsole Xbox bis hin zu Software für Zentralrechner brauche eine differenziertere Struktur. Doch bei der Prüfung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten Ballmers und Belluzzos habe man viele Überschneidungen gefunden, heißt es in Unternehmenskreisen. Deshalb gebe es keinen Nachfolger für Belluzzo.

Analysten drücken das drastischer aus: "Belluzzos Rolle hat in meinen Augen nie einen Sinn gehabt", sagt David Smith, Analyst beim Marktforscher Gartner Group. Microsoft werde auch ohne ihn weiter gut laufen.

Andere sehen Belluzzos Abgang als Entlassung wegen mangelnden Erfolgs. Belluzzo sollte Microsofts Siegeszug im Privatkundengeschäft organisieren - doch einige Projekte scheiterten. So konnte er die Kunden nicht überzeugen, Software und Inhalte über den Internet-Zugangsdienst MSN zu abonnieren. Und eine Werbeaktion mit stark verbilligten MSN-Tarifen, die dem Erzfeind AOL Kunden abwerben sollte und Microsoft am Ende viel Geld kostete, lag ebenfalls in seiner Verantwortung.

Die Wall Street hatte Belluzzos Berufung als sichtbarstes Zeichen einer "neuen Garde" von Managern an der Spitze des für seinen rüden Umgangston bekannten Konzerns gewertet. Belluzzos Abgang wirft bei den Analysten nun die Frage auf, ob Ballmer überhaupt in der Lage ist, wie angekündigt eine starke Management-Ebene unter sich zu etablieren und den Mangel an guten Topmanagern zu beheben. Traditionell haben Ballmer und Firmengründer Bill Gates alle großen - und die meisten kleinen - Entscheidungen selbst getroffen. Angesichts der Größe des Konzerns ist das jetzt nicht mehr möglich.

Quelle: Handelsblatt

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