Sogwirkung von Krisen in einzelnen Ländern auf alle Emerging Markets lässt nach
Investmentfonds: Liebling in Asien

Fonds mit Aktien aus Schwellenländern gelten als renditestarke Alternative fürs Depot. Die Risiken sind geringer als früher - aber nicht zu vernachlässigen.

DÜSSELDORF. Argentinien ist pleite, in Venezuela herrscht Regierungschaos - und dennoch ist Cyrus de la Rubia optimistisch: "Die Zeit der Sippenhaft für Schwellenländer ist vorbei." Der Länderanalyst der Dresdner Bank Lateinamerika hält Brasilien für weit gehend immun gegen die argentinische Grippe. Auch die im Oktober anstehenden Wahlen im größten Land Südamerikas können de la Rubia nicht aus der Ruhe bringen. Anders als in Argentinien spreche alles für politische Stabilität in Brasilien.

Früher war das anders. Da zeigten die Emerging Markets in Krisenzeiten wenig Standfestigkeit. Ob 1995 nach dem Tequila-Desaster in Mexiko oder 1997 im Gefolge der Asienkrise - schwächelte ein Börsenplatz der aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas, fielen alle anderen wie Dominosteine. Anleger warfen alles auf den Markt, was nur nach Emerging Market roch. Regierende Desperados landeten mit solide wirtschaftenden Staaten in einen Topf. Ergebnis: Fonds, die in Aktien aus Schwellenländern investierten, verloren in wenigen Wochen große Teile des Vermögens, das sie zuvor mühsam über Jahre aufgebaut hatten. Im August 1998 etwa, auf dem Höhepunkt der Russlandkrise, brachen die Aktienfonds dieses Segments um durchschnittlich 36 Prozent ein.

Glaubt man den Experten, dann wird das künftig anders sein. "Die Investoren differenzieren inzwischen stärker zwischen Sorgenkindern und Musterschülern", sagt Thomas Gerhardt, Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter DWS. Die Fakten jedenfalls scheinen ihm Recht zu geben: Die Sogwirkung von Krisen in einzelnen Ländern auf alle anderen Emerging Markets hat seit Ende der Neunzigerjahre spürbar nachgelassen.

Die Krise in Argentinien belastete die übrigen Emerging Markets nur gering. Während der argentinische Börsenindex Merval zwischen Frühjahr und Herbst 2001 um 56 Prozent einbrach, verlor der Index MSCI EMF, der die Gesamtentwicklung der Schwellenländerbörsen abbildet, im selben Zeitraum nur 16,8 Prozent. Da die Top-fonds argentinische Aktien frühzeitig aussortierten, mussten sie weit weniger bluten als der Index. Der Latin America Growth, bester Lateinamerikafonds über drei Jahre, legte 2001 sogar um gut sechs Prozent zu.

Zum Vergleich: Manager von Branchenfonds, ein anderes risikoreiches Trendthema, mussten im vergangenen Jahr kleinere Brötchen backen. Zweistellige Verlustraten waren die Regel. So schwenken in den letzten Monaten immer mehr renditehungrige Fondsanleger um in Richtung Schwellenländer. Während im Januar und Februar 2002 Branchenfonds netto 443,6 Millionen Euro verloren, legten die Emerging-Markets-Fonds um 453,8 Millionen Euro zu.

Eines haben Schwellenländer- und Branchenfonds jedoch gemeinsam: Sie sind deutlich schwankungsanfälliger als international anlegende Fonds, die auf krisenfeste Aktienschwergewichte setzen. Der beste Regionenfonds im Drei-Jahres-Vergleich, Carlson-Asien Small Cap, weist eine Volatilität von 40,9 Prozent auf. Beim globalen DWS Emerging Markets sind es immer noch 36 Prozent. Das Gros der Schwellenländer-fonds liegt zwischen 25 und 35 Prozent. Weltweit investierende Standard-Aktienfonds bewegen sich in einer Spanne von etwa 15 bis 25 Prozent.

Anleger, die das Risiko eines Fondsinvestment in Emerging Markets einschätzen wollen, sollten nach der Faustformel verfahren: Je kleiner das Anlageuniversum, desto höher das Risiko. Ein überregional anlegender Fonds ist für den Einsteiger besser als ein Länderfonds. Schlittert ein Staat oder eine Region in die Krise, haben Fonds mit globalem Ansatz genügend Alternativen, um die Performance zu stützen.

Erklärter Favorit der breit investierenden Fondsmanager ist derzeit Südostasien. Insbesondere die High-Tech-Aktien der Tigerstaaten haben es ihnen angetan. Ganz oben auf den Einkaufslisten stehen dabei Aktien aus Südkorea. DWS-Mann Gerhardt nennt als Grund wichtige Reformen wie das verbesserte Risikomanagement im Bankensektor. Der Anteil fauler Kredite sei dank strengerer Bonitätsprüfungen deutlich gesunken. Auch das Finanzgebaren der Unternehmen habe sich deutlich verbessert: Die Eigenkapitalquoten sind weit höher als noch vor fünf Jahren. Gerhardts DWS Emerging Markets setzt rund ein Fünftel des Kapitals auf südkoreanische Aktien. Bisher hat es sich ausgezahlt: Mit durchschnittlich 30,4 Prozent Performance Zuwachs in den vergangenen drei Jahren ist er der erfolgreichste überregionale Fonds dieses Segments.

Asien ist als Region unter den Schwellenländern auch Liebling der Charttechniker: Von allen drei Emerging-Market-Regionen hat Asien seit der Tequila-Krise 1995 den größten Aufholbedarf. Der Index MSCI EMF Asia verlor seit Januar 1995 rund ein Viertel seines Wertes. Im Herbst 1998 schrumpfte er sogar zwischenzeitlich auf weniger als die Hälfte zusammen. Seither geht es wieder steil bergauf - auch für den Carlson Equity-Asian Small Cap, der in den vergangenen drei Jahren um durchschnittlich 49,3 Prozent wuchs.

Wer daraus schließt, mit Schwellenländerfonds ließe sich schnelles Geld verdienen, ist allerdings schief gewickelt. Vielmehr ist Ausdauer gefragt. So erzielte der First State Global Emerging Markets, zweitbester Fonds im Drei-Jahres-Vergleich (plus 23,1 Prozent), über fünf Jahre nur 6,4 Prozent durchschnittlichen Zuwachs. Wer also als Anleger das Pech hat, kurz vor einer Krise wie 1998 in Russland einzusteigen, muss sich in Geduld üben.

Als verlässlich auf kurze Sicht erwiesen sich die Lateinamerikafonds. Der CA Funds Latin America, zweitbester im Drei-Jahres-Vergleich (plus 20,9 Prozent), legte trotz Argentiniens Pleite in den vergangenen sechs Monaten um 55,6 Prozent zu. Nicht verwunderlich, denn Portfolio-Schwerpunkte wie Mexiko oder Brasilien blieben weit gehend unbeeindruckt von der Finanzmisere des Gaucho-Staates.

Allerdings sollten Fondsanleger vom kurzfristig positiven Szenario nicht auf die dauerhaften Perspektiven schließen. Die Zuwächse der lateinamerikanischen Börsen erreichten nach 1995, der letzten regionalen Krise, ein hohes Niveau. So legte der Index MSCI EMF Latin America nach der damaligen Mexiko-Misere um 101,5 Prozent zu. Das Wachstumspotenzial ist damit stärker ausgereizt als in Asien.

Eine Gefahr für die künftigen Renditen der Emerging-Market-Fonds: An den Börsen vieler Schwellenländer verteilen die Investoren Vorschusslorbeeren, die erst noch verdient werden müssen. Osteuropafonds beispielsweise sammeln Anlegergelder mit der Vision ein, dass ein zeitnaher EU-Beitritt die Wirtschaft von Ungarn, Polen oder Tschechien schneller wachsen lasse. "Von diesem Konvergenz-Trend können Anleger noch zwei bis drei Jahre profitieren", meint Alexander Karpov, Fondsmanager bei Union Investment. Was allerdings passiert, wenn sich die Konvergenz als schwieriger erweist, als viele Politiker sich das denken? Schnell kann dann an der Börse die Ernüchterung folgen.

Zweiter Schwachpunkt der Emerging-Market-Fonds sind die hohen Kosten. Dreht sich ein Trend, müssen die Fondsmanager schnell reagieren - am besten im Vorfeld. Um mögliche Kursrisiken rechtzeitig zu erkennen, müssen sie Kontakt mit Spezialisten vor Ort halten. Den Aufwand lassen sich die Fondsanbieter mit Managementgebühren von 1,5 Prozent pro Jahr und mehr entlohnen. Das ist mehr als in anderen Segmenten üblich: Der DWS Vermögensbildungsfonds etwa, einer der Top-Performer bei internationalen Aktienfonds, kommt derzeit noch mit 0,75 Prozent jährlich aus.

Die höheren Kosten in Kauf zu nehmen, kann sich aber lohnen, wie die Topfonds des Segments beweisen. Allerdings taugen Emerging-Markets-Fonds wegen der hohen Risiken nicht als Ersatz für internationale oder europäische Aktienfonds, um die Basis eines Fondsdepots zu bilden. Wohl aber lassen sie sich als Renditeturbo mit einem Anteil von maximal zehn Prozent beimischen. Wer bereits Anteile an Branchenfonds aus den Segmenten HighTech oder Telekommunikation besitzt, sollte die Quote entsprechend tiefer ansetzten. Denn da viele Schwellenländerfonds derzeit vor allem in Telekom - und Chipwerte investieren, besteht sonst die Gefahr, sich als Anleger ein gefährliches Ungleichgewicht ins Depot zu holen.

Wer sich auf Schwellenländer einlässt, braucht einen langen Atem und muss die eine oder andere Durststrecke aussitzen. Die Zeichen, dass die jungen Börsen erwachsener werden, stehen nicht schlecht - daher muss künftig nicht mehr jeder Putsch in einer Bananenrepublik den Anleger um den Schlaf bringen.

Von Martin Gerth, Wirtschaftswoche

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%