Solide Branchengewichtung im ATX
Österreich hat unentdeckte Aktien-Perlen

Osteuropa-Phantasie, Privatisierungen und staatlich geförderte Rentenvorsorge treiben die Aktienkurse in der Alpenrepublik.

FRANKFURT/M. Wie attraktiv Aktien österreichischer Unternehmen bewertet sind, bekamen Investoren Anfang Mai eindrücklich vor Augen geführt. Der niederländische Braukonzern Heineken gab ein Übernahmeangebot für den österreichischen Getränkekonzern Brau-Beteiligungs-AG und dessen Tochter Brau-Union ab. Das Angebot lag rund 40 % über den damaligen Aktienkursen der im österreichischen Aktienindex (ATX) gelisteten Unternehmen - und um rund 40 % sind die beiden Brauerei-Aktien seither auch gestiegen.

Ein Fall mit Beispielcharakter: "Die Unterbewertung des österreichischen Aktienmarkts hat sich zwar seit dem Ende der Hausse vor drei Jahren abgeschwächt", sagt Eberhard Weinberger von der Vermögensverwaltung Dr. Jens Ehrhardt Kapital, "es gibt aber weiter Perlen unter den Aktien". Weinberger nennt unter anderem die Titel der Ersten Bank oder des Flughafens Wien, die nach wie vor günstig bewertet seien.

Nicht nur die Kursgewinne von ausgewählten Einzelwerten, auch die Wertentwicklung, die der österreichische Gesamtmarkt - weitgehend unbeachtet von der globalen Anlegerschaft - hingelegt hat, ist beeindruckend. Seit März 2000 legte der ATX um 27 % zu - der Dax verlor 62 %. Auch 2003 gehört der ATX hinter den volatilen und entsprechend riskanten Börsen Argentiniens, Brasiliens, Tschechiens, Venezuelas, Israels, Perus, Indonesiens und Russlands mit einem Plus von 13 % zu den besten Börsenbarometern weltweit. Der Dax verlor im selben Zeitraum 1 %. Als Grund für die seit Jahren gute Entwicklung des ATX verweisen die meisten Experten vor allem auf die Branchengewichtung des Index. Mit Telekom Austria ist nur ein Technologieunternehmen enthalten, den Rest stellen grundsolide Werte aus der "Old Economy", die in den vergangenen drei Jahren nach dem Platzen der Internetblase verstärkt gesucht waren.

Und Marktexperten sehen für den Alpen-Index weiteres Potenzial. "Bislang galt: Geht es an den großen Börsenplätzen abwärts, zählt die Wiener Börse zu den Märkten, in die Investoren einen Teil ihrer Gelder zur Absicherung umschichten", sagt Weinberger. Umgekehrt wurde der ATX in Aufschwungphasen von den großen Indizes bisher regelmäßig abgehängt.

Dieses Mal jedoch sollte der ATX selbst im Falle eines weltweiten Aufschwungs Anlegern weiter gute Gewinne bescheren. Ralf Burchert, Analyst der Ersten Bank, nennt die Gründe dafür: "Zum einen bringt das Engagement in Osteuropa Phantasie für viele österreichische Werte. Daneben stehen bei einigen Titeln umfangreiche Privatisierungen an. Und schließlich fließen durch das staatlich geförderte Pensionsvorsorgeprogramm in Österreich signifikante Mittel an die Wiener Börse."

Die starke Marktstellung vieler ATX-Werte in Osteuropa stimmt auch Alfred Reisenberger, Research-Leiter der Bank Austria, optimistisch: "In Osteuropa gibt es - anders als in den meisten Regionen der Welt - seit Jahren bedeutendes Wirtschaftswachstum. Etliche österreichische Unternehmen sind dort Marktführer. Sie erwirtschaften in Osteuropa bis zu 40 % ihrer Umsätze und, wie im Fall der Ersten Bank, sogar mehr als die Hälfte ihrer Gewinne." Als weitere Osteuropa-Profiteure an der Börse Wien nennt Alfred Reisenberger den Energiekonzern OMV, das Baustoffunternehmen Wienerberger und den Kartonagenhersteller Mayr-Melnhof.

Laut Reisenberger sind diese Werte gerade für Investoren interessant, die direkte Engagements im Wachstumsmarkt Osteuropa aus Risikogründen scheuen, an der wirtschaftlichen Dynamik der EU-Beitrittskandidaten aber teilhaben wollen. Weinberger spricht in diesem Zusammenhang von einer "Drehscheibenfunktion" österreichischer Werte für indirekte Investments in Osteuropa.

Positiv für die Börse Wien wird sich laut Burchert auch das vor wenigen Monaten gestartete, staatlich geförderte private Pensionsvorsorgeprogramm auswirken. "Ein Gutteil der Gelder - rund 40 % - fließen in österreichische Aktien", sagt Burchert. Anders als die Riester-Rente in Deutschland werde das Programm sehr gut angenommen. Für die ersten 18 Monate rechnen Experten mit einem Mittelzufluss an die Börse Wien von über 500 Mill. Euro - immerhin 2 % der Marktkapitalisierung des ATX.

Als dritten Punkt, warum Österreichs Aktien sich weiter überdurchschnittlich gut entwickeln sollten, nennen Experten zahlreiche anstehende Privatisierungen. Bis 2006, so lautet die Anweisung der Koalition um Kanzler Schüssel, soll der Staat sämtliche verbleibende Beteiligungen an börsennotierten Unternehmen verkaufen. "Das wird Aktien wie denen der Stahlunternehmen Voest-Alpine und Böhler-Uddeholm, des Maschinenbauers VA-Tech sowie Titeln wie OMV, Austrian Airlines und Telekom Austria weiteren Aufschwung geben", sagt Burchert. Denn der Staat sei bekanntermaßen nicht immer der beste Aktionär. Und Interesse an den Anteilen bestehe seitens nationaler und internationaler Investoren reichlich.

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