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Sommer: Das Symbol entsteht im Auge des Betrachters

Der anstehende Personalwechsel an der Spitze der Telekom zeigt an: Die Hypekurve nähert sich unaufhaltsam Ihrem Tiefpunkt. Oder: Die Symbolfiguren des Hypes werden nun abgeräumt. Das ist gut so, reicht aber für einen Neuanfang nicht aus.

Der anstehende Personalwechsel an der Spitze der Telekom zeigt an: Die Hypekurve nähert sich unaufhaltsam Ihrem Tiefpunkt, behauptet Stephan Sempert, und das sei gut so!

Um es gleich vorwegzunehmen: Ihr Kolumnist denkt nicht im Traum daran, die Arbeit und die Leistung des Vorstandsvorsitzenden des einstmals wertvollsten deutschen Unternehmens zu beurteilen. Derlei schlaumeierisches Hinterhertreten sei denen überlassen, die es immer hinterher am besten wussten.

Das Thema ist ein anderes: Leithammel sind in erster Linie weniger Arbeitstiere denn Symbolfiguren. Und ob Ron Sommer dies nun recht ist oder nicht: Er steht für die Zeit der explodierend überschäumenden Erwartungen weit jenseits der realistischen Möglichkeiten. Dass diese Blase irgendwann platzen musste, so berichten Quellen aus seiner Umgebung, war dem Mann an der Spitze der ehemaligen Behörde nur zu bewusst. Als der Kurs der T-Aktie im März 2000 die 100 Euro-Grenze durchbrach, knallten in Bonn keine Champagnerkorken. Und so kam es denn auch, die Reise ging genauso schnell wieder bergab, und alle Hyper-Cyber Träume zerbrachen an der Macht der Schwerkraft.

Ende Gelände? Keinesfalls. Nun ist es an der Zeit, dass die Scherben aufgesammelt werden. Der Telekommunikationsmarkt im allgemeinen und der Markt der mobilen Anwendungen im besonderen wird weiter wachsen: Niemand bezweifelt dies ernsthaft. Aber es werden nicht die phantastischen Träume der Cyber-Hyper-Wellenreiter sein. Es werden einfache und nützliche Dinge sein, die auf der Basis dieser Technologien entwickelt werden.

Um diese Trendwende in der Hypekurve nach außen glaubwürdig sichtbar zu machen, bedarf es des Wechsel der Symbolfigur an der Spitze. Ron Sommer gilt als Mann mit Weitsicht: Vielleicht hat er schon im März 2000 verstanden, dass er für immer mit den Exzessen identifiziert werden wird. Jetzt, wo die Talfahrt sich ihrem Ende nähert, wird er auch noch nicht einmal mehr als Sündenbock benötigt.

Die Symbolfiguren des Hypes werden nun abgeräumt. Das ist gut so, reicht aber für einen Neuanfang nicht aus, meint Olaf Deininger

Ron Sommer nun über den Hype-Kamm zu scheren ist unfair. Ihn nun zum Sündenbock machen zu wollen, für eine kollektive Euphorie (um nicht zu sagen Geisteskrankheit) epidemischen Ausmasses ebenso. Denn die Symbolkraft der Figur des Ron Sommer ist vielschichtig und hat sich die letzten Jahre über mehrfach verändert. Sie steht beispielsweise auch dafür, aus einer vertrottelten, untertourigen Behörde einen wettbewerbsfähigen Konzern gemacht zu haben. Oder für die Erfindung der Volksaktie, deren Idee im Grunde genommen gar nicht so schlecht ist.

Wir sehen aber: Das Symbol entsteht im Auge des Betrachters. Und an die Symbolfigur wird deligiert, was man selbst nicht durchschaut - oder nicht durchschauen möchte. Und darüber dürfen sich Anleger, Internet- und Mobil-Aktivisten jetzt nicht beklagen: Wir wollten doch alle glauben, dass man aus jedem in der New Economy und der mobilen Wirtschaft geförderten Bröckelchen Erz einen Klumpen Gold machen kann (und das - wenn man sich die Biographie des Autors anschaut - im wahrsten Sinn des Wortes).

Wie kann nun eine neue Glaubwürdigkeit aufgebaut werden? Köpfe rollen lassen, reicht nicht aus. Denn am Ende des Tages steht die Erkenntnis, dass man auch die neuen Märkte nur mit Bodenhaftung zum Fliegen bringt. Klingt lustig, nicht? Und das sagt kein geläuterter Visionär, sondern einer, der langsam genug davon hat, Visionen an jeder Ecke nachgeworfen zu bekommen. Und davon, dass unsere Wirtschaft sich immer stärker polarisiert: Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt. Dazwischen scheint es immer weniger zu geben. Doch dazwischen liegt die Arbeit, harte Arbeit.

Schreiben Sie den Autoren: olaf.deininger@mediaone-hh.de Stephan@Sempert.net

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