Sommertheater bei der Winter AG
Kindergarten Neuer Markt

Die Börse ist kein Kinderspielplatz. Einigen Unternehmen am Neuen Markt fehlt es dennoch an nötiger Reife. Die Schlammschlacht um die Winter AG ist ein präpubertäres Paradebeispiel.

DÜSSELDORF. Ein besonders gutes Image hat der Neue Markt derzeit nicht. Zuletzt offenbarten sich vor allem mathematische Schwächen der notierten Unternehmen: Eingehendere Prüfungen der Bilanzen scheuchten nicht nur die Moorhühner des Computerspiele-Entwicklers Phenomedia auf, sondern ließen auch das Bilanzkartenhaus des Telematik-Anbieter Comroad von geplanten 93,6 Millionen Euro Umsatz auf lächerliche 1,3 Millionen Euro für das Jahr 2001 zusammenfallen.

Zahlen sind auch der Grund für die Schlammschlacht beim Chipkartenhersteller Winter AG. Genauer gesagt deren Farbwechsel von schwarz nach rot. Weil das Unternehmen zuletzt schwächelte, schießt einer der beiden Winter-Brüder, denen vor der Emission das Unternehmen gehörte, seit rund einem Jahr gegen den Vorstand. Der 76-jährigen Otto Winter hält die Firmenleitung für unfähig und versucht alte Macht zurückzugewinnen, aber der Vorstand der Aktiengesellschaft behielt zunächst die Oberhand. Eine Klage Winters wegen Prospektsbetrugs beim Börsengang im Sommer 2000 scheiterte, per Abberufungsverfahren soll sein Schwiegersohn und Sprachrohr Friedrich Winter aus dem Aufsichtsrat verschwinden und das Unternehmen kündigte konsequenterweise den Beratervertrag des 76-Jährigen.

Unprofessionell: Winter AG kündigt Umsatzbringer

Spätestens jetzt endet die Professionalität: Die Winter AG kündigte nämlich auch den freien Handelsvertretervertrag mit der von Winters Tochter Susanne geführten Winter Druckerzeugnisse GmbH - und verlor damit einen Kunden, der im Jahr 2000 einen Umsatz von knapp 7 Millionen Euro und einen Reingewinn von rund 900 000 Euro für die Winter AG erwirtschaftete.

Die Großaktionärin (27 Prozent) Susanne Winter hält es daraufhin nicht mehr auf dem Stuhl. "Das Unternehmen wird nicht mehr geführt, sondern nur noch verwaltet", schimpft sie in einer Telefonkonferenz mit Journalisten am Donnerstag. Mit Hilfe der renommierten Rechtsanwaltskanzlei Rotter will sie nun weiter gegen den Vorstand vorgehen.

Auf ihrer Agenda: ein dubioses Family and Friends-Programm, dass guten Freunden und Kunden beim Börsengang im Sommer 2000 einen rechtswidrigen 25-prozentigen Rabatt bescherte.

Fehler: Die vom Vorstand gewählte Konstruktion der nachträglichen Gewährung des Kaufpreisabschlag stellt eine verbotene Einlagenrückgewähr dar und muss laut Aktiengesetz zurückverlangt werden. So musste der Rabatt von den Family and Friends-Aktionäre zurück gefordert werden.

Das Unternehmen ist mittlerweile auch in das Fadenkreuz des Bundesaufsichtsamts für den Wertpapierhandel geraten. Die Beamten untersuchen den Handel mit Winter-Aktien im Zusammenhang mit Ad-hoc-Mittteilungen, deren Richtigkeit von Susanne Winter bezweifelt werden.

"Der Vorstand handelt eindeutig zum Nachteil der Winter AG, um der Familienlinie von Otto Winter zu schaden, obwohl der Vorstand nach dem Aktiengesetz verpflichtet ist, ausschließlich im Interesse der Aktiengesellschaft zu handeln", beurteilen die Anwälte von Winter ihre bisherigen Ergebnisse.

Winter-Aktie büßte zwei Drittel des Börsenwertes ein

Aktiengesellschaft? Ach, da waren ja noch Aktionäre. Deren Anteile sind derzeit rund 4,50 Euro wert. Der Emissionspreis von 12, 50 Euro rückte nach dem Beginn der persönlichen Reibereien auf der letzten Hauptversammlung in weite Ferne. Im Mai 2001 lag der Kurs noch bei 14 Euro.

Und die nächste Hauptversammlung am 8. Mai verspricht keine Besserung. Susanne Winter arbeitet daran, eine Mehrheit für die Abwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden Friedrich Rosenkranz zustande zu bringen. Das Unternehmen muss für den Machtkampf mit dem alten Chef nach Angaben von Vorstandschef Gerhard Osterrieder 600 000 Euro zurückstellen. Nachdem der Gewinn im Jahr 2001 von 2,7 Millionen Euro auf 400 000 Euro eingebrochen ist, wird der Kindergartenplatz der Winter AG die Aktionäre wohl weiterhin teuer kommen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%