Sonderbescheid erhitzt Gemüter der Gastronomen
"Stühlekrieg" auf Berliner Szenemeile

Das Stück hat Kabarettcharakter: Nur noch sechs Gäste pro Kneipe sollen künftig auf dem Trottoir der hauptstädtischen Simon-Dach-Straße ab 20.00 Uhr die laue Sommerluft genießen dürfen.

ddp BERLIN. Das zumindest sieht ein Sondernutzungsbescheid des Bezirksamtes Berlin-Friedrichshain vor, der den Gastronomen der beliebten Szenemeile vor kurzem ins Haus flatterte.

Die Auflage erhitzt derweil die Gemüter aller Betroffenen. Die Wirte fürchten um ihre Existenz, die Gäste um ihr Freizeitvergnügen und selbst der Bürgerinitiative "Die Aufgeweckten", die sich wegen Lärmbelästigung um ihren Schlaf gebracht sieht und dem Bezirk mit einer Klage gedroht hat, geht die Anordnung anscheinend zu weit: "Das haben wir so nicht gefordert", heißt es auf deren Website www.kneipenlaerm.de.

Inzwischen bemüht sich auch der zuständige Baustadtrat Franz Schulz (Grüne), der am Montag aus dem Urlaub zurückkehrte, um Schadensbegrenzung. Das sei eine Posse, aus der man irgendwie wieder herauskommen müsse, kritisiert Schulz die Entscheidung seiner Verwaltung. Die Amtsmitarbeiter hätten die angedrohte Klage der Bürgerinitiative abwenden wollen, aber ohne Rücksprache mit ihren Vorgesetzten gehandelt.

Auch die SPD-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses schaltet sich in die Diskussion ein. Der Parlamentarische Geschäftsführer, Christian Gaebler, fordert, den "Stühlekrieg" zu beenden und eine gemeinsame Lösung zwischen Anwohnern und Gastwirten zu suchen. Das Bezirksamt solle "den Bezirk und die Stadt nicht mit absurden Vorschlägen der Lächerlichkeit preisgeben".

Von einem "provinziellen Vorgang" spricht die für Gastgewerbe zuständige Referentin der Berliner Industrie- und Handelskammer, Ursula Luchner-Brock. Die bei solchen Konflikten übliche Vorgehensweise sei die Einrichtung eines Clearingverfahrens, bei dem ein Kompromiss zwischen Anwohnern und Gastwirten gesucht würde. Die 20.00-Uhr-Regelung würde die faktische Schließung des Terrassenausschanks bedeuten.

Derweil herrscht Krisenstimmung im Café-Restaurant "Euphoria". "Ich bin schockiert", sagt der Sprecher der eilig gegründeten Gastronomen-Initiative "Wir(te) für Friedrichshain", Ayhan Aslan. "Wenn der Bescheid durchgesetzt wird, stirbt das Szeneleben. Gastwirte und Anwohner müssen sich zusammensetzen." Michael Näckel, ebenfalls Sprecher der Initiative, plädiert für einen "Wirtekodex". Den berechtigten Interessen der Anwohner sollten die Wirte durch lärmdämpfende Maßnahmen entgegenkommen. "Der Bescheid muss abgewendet werden", sagt Näckel, "ansonsten wird ein Präzedenzfall geschaffen, der eine Rufschädigung nicht nur für den Bezirk, sondern für Berlin bedeutet."

Der Inhaber des "Euphoria", Celebi Bülent, sieht seine Existenz gefährdet. "Wenn wir draußen nur noch sechs Gäste ab 20.00 Uhr bedienen dürfen, geht der Kiez kaputt." Die wirtschaftlichen Folgen seien katastrophal: "Ich müsste im Sommer 80 Prozent des Personals entlassen und befürchte einen Umsatzrückgang von 70 Prozent." Mit den gleichen Folgen rechnet Michael Junghans von "Paule´s Metal-Eck": "Wenn die das durchsetzen, können wir dichtmachen", zürnt der Kellner.

Die 76-jährige Rentnerin Alice Cudok, die gegenüber vom "Euphoria" im Erdgeschoss wohnt, kann die ganze Aufregung nicht verstehen: "Mich stört hier niemand", sagt sie. Svetlana Folaji, Betreiberin des Imbiss "Toaster", zeigt Verständnis für beide Seiten. "Die Lärmbelästigung durch Nachtschwärmer und Autos ist hier zeitweise enorm", sagt sie. Aber die Anordnung des Bezirks sei absurd. "Damit ist niemandem gedient, die sollen hier eine verkehrsfreie Zone einrichten." Auch das Ehepaar Monika und Norbert Baha aus Freiburg, das den Kiez oft besucht, sieht in dem dichten Verkehrsaufkommen das eigentliche Übel: "Die Autos, die hier über das Kopfsteinpflaster rumpeln, übertönen doch die Gäste bei weitem."

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