Sonderprüfung bei Phenomedia
Moorhuhn womöglich an "Enronitis" erkrankt

Der "Moorhuhn"-Erfinder Phenomedia hat nach eigenen Angaben Hinweise auf Fehler in seinen Bilanzen entdeckt und sich von seinem Vorstandschef und seinem Finanzvorstand getrennt. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) leitete nach Angaben einer Sprecherin eine Voruntersuchung zu auffälligen Kursbewegungen bei Phenomedia ein.

reuters/vwd BOCHUM. "Es bestehen Anhaltspunkte dafür, dass der Quartalsbericht der Gesellschaft zum 30.09.2001 sowie der Entwurf des Jahresabschlusses zum 31.12.2001 unrichtig sind", teilte der Computerspiele-Entwickler in einer Pflichtveröffentlichung mit. Der Aufsichtsrat habe die Bestellung von Vorstandschef Markus Scheer und Finanzvorstand Björn Denhard mit sofortiger Wirkung widerrufen. Der verbleibende Vorstand sowie der Aufsichtsrat würden eine Sonderprüfung in Auftrag geben, die sich vorsorglich auch auf weiter zurückliegende Rechnungsperioden erstrecken solle. Bei dem Unternehmen war zunächst keine weitere Stellungnahme zu erhalten.

Der bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre für den Neuen Markt zuständige Experte Markus Straub sagte Reuters, offensichtlich liege "kein technisches Problem bei Phenomedia vor - das geht eher in Richtung Comroad". Der Münchner Telematikanbieter Comroad hatte offenbar nicht existierende Geschäfte verbucht und dadurch fast den kompletten Umsatz für 2001 nur vorgetäuscht, wie zuletzt bekannt wurde. "Das Vertrauen in den Neuen Markt werde durch solche Fälle weiter erschüttert", betonte Straub. Marc Tüngler von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) nannte die Entwicklung bei Phenomedia eine "Katastrophe". Die DSW erwäge, wie im Fall Comroad Strafanzeige gegen Mitglieder des Phenomedia-Vorstands zu erstatten. Das angeforderte Sonderprüfungsgutachten müsse zudem publik gemacht werden. Zumindest müsse der Aufsichtsrat bekannt geben, welchen Prüfauftrag er erteilt habe.

Der beim Bankhaus Lampe für Phenomedia zuständige Analyst, Christoph Schlienkamp, nannte die Vorgänge um Phenomedia "schrecklich". "Der Neue Markt ist um einen Skandalfall reicher", sagte er. "Wir stufen die Aktie herunter auf verkaufen von marktperformer", kündigte er an. Er habe seit Tagen vergeblich versucht, eine Stellungnahme von Phenomedia zu erhalten. "Bei so einem starken Kursverfall muss etwas im Busch sein", fügte er mit Blick auf den Kursrückgang der Aktie der vergangenen Tage hinzu. Phenomedia habe Ende März einen vorläufigen Abschluss vorgelegt, der "noch nicht testiert war".

Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) leitete Voruntersuchungen zu den Kursbewegungen der Phenomedia- Aktie ein. "Es ist aber noch zu früh, um das Ganze zu beurteilen", sagte eine BAWe-Sprecherin der Nachrichtenagentur Reuters auf Anfrage am Dienstag. "Das ist noch keine förmliche Insider-Untersuchung", fügte sie hinzu. Bereits am Montag hatte die Aktie, die bereits in den vergangenen Wochen deutlich an Wert verloren hatte, auf Xetra knapp 37 Prozent verloren. "Das ist schon eine auffällige Kursbewegung", sagte die BAWe-Sprecherin.

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