Sonderprüfungen gefordert
KPMG will sich stärker gegen Betrug wehren

Als Konsequenz aus den zunehmenden Firmenpleiten in Deutschland hat KPMG-Chef Harald Wiedmann die Möglichkeit unabhängiger Sonderprüfungen gefordert. Zugleich sprach sich der Vorstandssprecher der größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft am Donnerstag dafür aus, dass Bilanzprüfer künftig Betrugsfälle ihrer Mandanten melden dürfen.

Reuters FRANKFURT. Als Konsequenz aus den zunehmenden Firmenpleiten in Deutschland hat KPMG-Chef Harald Wiedmann die Möglichkeit unabhängiger Sonderprüfungen gefordert. Zugleich sprach sich der Vorstandssprecher der größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft am Donnerstag dafür aus, dass Bilanzprüfer künftig Betrugsfälle ihrer Mandanten melden dürfen.

Wiedmann ging auf der Bilanzpressekonferenz seines Hauses in Frankfurt eingehend auf den jüngsten Skandal um den Münchener Telematik-Anbieter Comroad ein, für dessen Bilanzen die KPMG bis vor Kurzem verantwortlich war. Die am Neuen Markt gelistete Comroad hat nach neuesten Erkenntnissen offenbar nicht existierende Geschäfte verbucht und dadurch fast den kompletten Umsatz nur vorgetäuscht. Die KPMG hatte das Mandat Anfang des Jahres niedergelegt.

Das Jahr 2001 schloss KPMG selbst mit einem Umsatzsprung ab, der den Konzern nach eigener Darstellung an die Spitze der hiesigen Branche brachte. Wiedmann hält weiter an der geplanten Kooperation mit dem Konkurrenten Andersen in Deutschland fest, obgleich vergleichbare Vorhaben bereits in zahlreichen Ländern scheiterten. Im Plan liege auch die Ausgliederung der deutschsprachigen Consulting-Sparte, sagte er.

"Werden auch künftig Betrügern aufsitzen"

Die KPMG war zuletzt nicht nur im Zusammenhang mit Comroad in die Schlagzeilen geraten, sondern auch bereits als früherer Prüfer bei Philipp Holzmann oder der Bohrgeräte-Firma Flowtex, bei der ebenfalls Luftbuchungen entdeckt worden waren. Wiedmann betonte, dass die KPMG und auch andere Prüfer gegen Betrugsfälle niemals gefeit seien. "Einem Betrüger - und ich sage das offen - dem werden wir auch in Zukunft aufsitzen. Wir haben bei einem Betrug im Normalfall keine Chance."

Comroad hatte Geschäftsverbindungen in Hongkong ausgewiesen, die gar nicht existierten. Eine Sonderprüfung ergab nun, dass von dem für 2001 angegebenen Umsatz von 93,6 Mill. ? nur 1,drei Mill. ? nachgewiesen werden konnten. Die KPMG hatte einen zweifelhaften asiatischen Comroad-Partner laut Wiedmann überprüft und dabei festgestellt, dass es den angegebenen Handelsregister-Eintrag der Firma nicht gab. Daraufhin legte die Gesellschaft ihr Comroad-Mandat nieder. Ex-Comroad-Chef Bodo Schnabel sitzt bereits seit längerem in Untersuchungshaft.

Nach Darstellung Wiedmanns fungierte der Hongkonger "Geschäftspartner" als "Hersteller, Verteiler und Finanzier" zugleich. "Das ging nicht mit normalen Dingen zu." Als KPMG den asiatischen Partner habe näher untersuchen wollen, seien die Prüfer permanent abgewimmelt und mit Ausreden hingehalten worden. "Da kamen immer wieder Ausflüchte. Und dann haben wir gesagt: Jetzt reicht's."

Verschwiegenheitspflicht verbietet Strafanzeigen

Die Abgabe eines Mandats wie bei Comroad sei in Deutschland derzeit für die Wirtschaftsprüfer die einzige Möglichkeit, um auf Missstände bei Mandanten aufmerksam zu machen. "Das ist bisher einmalig in Deutschland und das hat sicherlich auch dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft so schnell aktiv wurde." Auf Grund der Verschwiegenheitspflicht dürften Wirtschaftsprüfer mit Ausnahme bei Geldwäsche keine Betrugsfälle anzeigen, was den Handlungsspielraum einschränke. "Mir wäre es lieb, wenn wir die Möglichkeit hätten, die Wertpapieraufsicht zu benachrichtigen."

Wiedmann sprach sich auch nachdrücklich dafür aus, dass in Deutschland Sonderprüfungen von unabhängiger Stelle wie etwa dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen in Auftrag gegeben werden können. Dies könne etwa bei Bewertungsfragen oder in besonderen Verschuldungsfällen geschehen. "Solche Dinge stärken das Vertrauen in der Öffentlichkeit und die Stellung des Prüfers." Die jüngsten Pleiten von Holzmann oder Kirch waren vor allem durch überbewertete Immobilien oder immense Verbindlichkeiten ausgelöst worden.

Weiter zweistelliges Wachstum nach Rekordjahr 2001

Nach einem Umsatzwachstum von 25 Prozent auf rund 1,5 Mrd. ? erwartet Wiedmann auch 2002 zweistellige Wachstumsraten bei KPMG Deutschland. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit stieg im Vorjahr um knapp 18 Prozent auf 35,5 Mill. ? Im Plan liege das Vorhaben der KPMG, die deutschsprachige Beratungssparte komplett zu verselbstständigen und zu verkaufen. "Wir suchen einen Erwerber und gehen davon aus, dass wir den Vorgang bis Ende Juni abgeschlossen haben", sagte Wiedmann, ohne Details nennen zu wollen. Es wird bereits seit längerem darüber spekuliert, dass KPMG Deutschland das Consulting-Geschäft an die börsennotierte Schwester in den USA verkauft.

Zuversichtlich zeigte sich Wiedmann über das Vorhaben, die KPMG in Deutschland mit dem Konkurrenten Andersen zu verbinden. Die Gespräche seien auf sehr gutem Wege, er rechne nicht mit einem kartellrechtlichen Verbot im Falle einer Fusion, fügte Wiedmann hinzu. Andersen steckt in den USA nach der Pleite des Mandanten Enron tief in der Krise und wollte die Töchter außerhalb Amerikas mit den KPMG-Standorten verschmelzen. Dieses Vorhaben ist in vielen Ländern aber schon gescheitert.

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