Sonneninsel steht für Krise der Branche
Mallorca verhagelt Reisekonzernen die Bilanz

Es ist ein wahrhaft schlimmes Jahr für die Reisebranche. Fast keine Woche will vergehen, in der nicht mindestens eine neue Hiobsbotschaft die Titelseiten der Zeitungen schmückt.

MADRID/DÜSSELDORF. Bis zuletzt hofften die großen Tourismuskonzerne, dass nach Terror-Anschlägen und "Teuro"-Debatten wenigstens vor der wichtigen Sommersaison wieder Ruhe einkehrt. Das Gegenteil aber ist der Fall. Die lahmende Konjunktur bremst weiterhin die Reisefreude der Verbraucher, die Angst vor neuen Terroranschlägen bleibt, und die Zeitungen finden ihre Aufmacherthemen weiter im Tourismus: "Generalstreik in Spanien: Urlauber-Chaos zum Ferienstart", titelte Bild am Sonntag zu Beginn der Woche.

Der Ausnahmezustand in Spanien ist nur bezeichnend für ein Ausnahmejahr in der Reisebranche, in dem selbst zu Beginn der großen Sommersaison viele Betten leer bleiben. Vor allem Mallorca, die Lieblingsinsel der Deutschen, meldet herbe Einbrüche. Statt mehr als vier Millionen Touristen werden für 2002 nur noch knapp drei Millionen erwartet. "Der Markt schwächelt auch auf den Kanarischen Inseln, doch Mallorca ist ganz besonders betroffen," sagte ein Sprecher der Hotelkette Riu. Das spanische Unternehmen, an dem Europas größter Touristikkonzern Preussag (Tui) zu 50 % beteiligt ist, betreibt derzeit 96 Hotels in zehn Ländern. Vor allem die Mallorquiner unter den 12 500 Riu-Mitarbeitern sorgen sich um ihren Job, sie erkennen bei den Deutschen eine zunehmende Unlust nach Spanien zu reisen.

Tui muss das von deutscher Seite bestätigen: Das Zielgebiet Spanien liege aktuell "leicht zweistellig im Minus", sagte ein Sprecher von Tui Deutschland. Für Mallorca lägen die Buchungen hingegen deutlich zweistellig unter Vorjahr. Eine genauere Prognose will derzeit keiner geben. Branchenbeobachter sprechen aber davon, dass so mancher Reiseveranstalter ein Minus von 30 % für Mallorca vor sich herschleppt.

Allein die spanische Ferieninsel dürfte die Bilanz der deutschen Reiseriesen Preussag und Thomas Cook damit ordentlich verhageln. "Mallorca war lange Zeit der Goldesel. Auf diesem hohen Niveau schlägt das ganz anders auf die Geschäftszahlen durch. Das ist nicht mit einem Einbruch etwa in Tunesien zu vergleichen", sagt ein Branchenkenner. Die Gründe, weshalb Mallorca nach jahrelangem Wachstum in der Gunst der Kunden derart zurückgefallen ist, sind vielfältig: Angeführt wird vielfach ein schlechteres Preis-Leistungsverhältnis, das viele Gäste inzwischen abschrecke. In der Türkei, Bulgarien oder Ägypten finden sie günstigere Ziele mit ähnlich sonnigen Vorzügen.

"Das Image in Deutschland ist sehr schlecht", meint Anwalt Antonio Jimenez von der Kanzlei mmm&m mit Niederlassung in Palma de Mallorca. Neben dem Billigtourismus sei deshalb auch der margenstärkere Luxus-Tourismus heftig eingebrochen. Vor allem die Diskussion um die Ökosteuer auf Mallorca habe sich zuletzt als äußerst schädlich erwiesen. Die Berichterstattung über die der deutschen Kurtaxe ähnliche "Ecotasa", die Hotelgäste pro Übernachtung zusätzlich entrichten sollen, war vor allem eines: ein PR-Desaster. Dabei wird die Kundschaft inzwischen nahezu gar nicht mehr mit dem Thema genervt. Eine Sprecherin von Rewe Touristik berichtet, längst würden viele Vertragshotels die per Gesetz erlassene Steuer übernehmen.

Der viel diskutierte Baustopp bringt der Sonneninsel weiteres Ungemach. Das Gerede hat die privaten Investitionen auf der Insel erheblich gebremst. Die Folge: "Wir haben 50 % weniger Kauf-Urkunden, beschäftigen uns aber mit 80 % mehr Klagen," sagt Anwalt Jimenez. Zu dem hätten zahlreiche Baugesellschaften Pleite gemacht.

Trotz all dieser negativen Botschaften: Eine dauerhafte Krise auf Mallorca will Jimenez bislang ebenso wenig wie die Riu-Hotelkette ausmachen. "Es gab zu viel Aktivität auf dem Immobilienmarkt. Es gab diesen Boom, in dem jedermann Makler werden musste. Jetzt findet eine Bereinigung statt."

Für das gesamte Spanien, das zuletzt fast 50 Millionen Besucher zählte, gilt die Bereinigung in abgeschwächter Form. Der Tourismus macht 12 % des Bruttoinlandsprodukts aus. 10 % der Arbeitsplätze hängen an der Branche. Alle müssen sich auf härtere Zeiten einstellen, auch wenn die konservative Regierung von José María Aznar für die Sommermonate wieder mit 23 Millionen Besuchern rechnet - das wäre für das Gesamtjahr eine Steigerung von 3,4 %. Vielen Beobachtern gilt die Prognose allerdings als allzu optimistisch.

Quelle: Handelsblatt

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