Archiv
Sonnige Planwirtschaft

Das schöne an einer Planwirtschaft ist, das man immer ein Ziel vor Augen hat. Und auch wenn in China längst die freie (und zum Teil recht chaotische) Marktwirtschaft tobt, hat die Regierung zum Glück an dieser Tradition festgehalten.

Das schöne an einer Planwirtschaft ist, das man immer ein Ziel vor Augen hat. Und auch wenn in China längst die freie (und zum Teil recht chaotische) Marktwirtschaft tobt, hat die Regierung zum Glück an dieser Tradition festgehalten. Denn es gibt nicht nur spröde, in starren Zahlen ausgerdückte Wirtschafstziele. Nein, geradezu poetische Vorgaben kommen aus dem Pekinger Zentrum der Macht. Eine besonders schöne ist die folgende: Dieses Jahr soll über Peking an 230 Tagen strahlend blauer Himmel sein. Der Plan ist damit gegenüber 2004 mutig um drei volle Sonnentage aufgestockt worden. Wettergott Wen Jiabao (sonst Ministerpräsident von China ) hat gesprochen.

Sonnenschein frei Haus - das kommt beim Volk natürlich an. Doch es geht in diesem Fall um mehr, nämlich um Ehre und um viel Geld. 2008 will China schließlich die Olympischen Spiele in Peking ausrichten. Und das Land hat der Welt versprochen, bis zu diesem Termin die hohe Luftverschmutzung in der Hauptstadt (und anderswo) deutlich zu reduzieren. Und so rechnen sich die amtlichen Statistiker den Himmel über Peking schon mal rosig. Im vergangenen Jahr wurde das Ziel erstmals seit 20 Jahren erreicht: An 227 Tagen gab es keine dunklen Wolken über der dem Platz des Himmlischen Friedens, melden die staatlichen Medien stolz. Hurra, es klappt!

Wirklich? Warum laufen dann so viele Menschen in Peking mit Mundschutz herum? Richtig: Ein blauer Himmel schützt eben noch lange nicht vor Luftverpestung. Und im April war die Luft in Chinas Hauptstadt zwanzigmal stärker belastet als in London. Wer einmal in der britischen Hauptstadt zum Shoppen war, hat sicher noch den strengen Dieselgeschmack der Oxford Street auf seinen Lippen. Bääh !!! Zwanzigmal mehr?

Da liegt was in der Luft. In Peking konnte man nach Behördenangaben im sonnigen April nicht mal an 18 Tagen ohne Bedenken einatmen. An fast jedem zweiten Tag war das tiefe Luftholen ein medizinisches Risiko. Und an drei Tagen war die Luft in der Hauptstadt so stark verpestet, dass man am besten im Haus geblieben wäre. Wenn, ja wenn man nur rechtzeitig davon erfahren hätte. Nicht erst einen Monat später.

Yuan-Reform, Taiwan-Frage, Textilsstreit - viele China-Themen bewegen momentan die Welt. Doch es sind vielleicht eher die unsichtbaren Gefahren, die dem Reich der Mitte wirklich zu schaffen machen. Chinas Ober-Öko und Vize-Chef der staatlichen Umweltbehörde, Pan Yue, warnt bereits vor einem "nationalen Desaster". Sollte China mit Vollgas weiter auf Wirtschaftswachstum setzen, werde die Umwelt in fünf Jahren kollabieren. Kein schöner Fünf-Jahres-Plan.

Und 2008? Müssen die Marathonläufer in Peking mit Gasmaske durch den Smog flitzen? "Ach wo", lacht ein chinesischer Manager, "da schalten wir halt unsere Industrie-Dreckschleudern zwei Wochen vorher ab und erlassen radikale Fahrverbote. Machen wir doch immer so." Gut zu wissen, vom 8. bis 24. August 2008 können wir also schon mal Sonnentage für Peking eintragen. Denn dann leuchtet die olympische Flamme in Peking - natürlich am strahlend blauen Himmel. Es muss eben alles nur gut geplant sein.


Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%